Evangelische Kirchengemeinde Köngen
Predigten
 
 
Damit in der Corona−Krise auch jene, die keinen Gottesdienst besuchen können/ wollen/ dürfen, die Möglichkeit haben, in den Genuss einer Predigt zu kommen, haben wir (wieder) begonnen, diese hier in Netz zu stellen.

22.11.2020
Trauer, Gedenken und Hoffnung auf Gottes Zukunft
Ewigkeitssonntag 22. November 2020
In zwei Gottesdiensten in der Peter− und Paulskirche gedachten wir der Verstorbenen unserer Kirchengemeinde, lasen ihre Namen und zündeten für jede und jeden eine Kerze an.
Unser Vertrauen und unsere Hoffnung für die Verstorbenen und uns kommt aus dem letzten Buch der Bibel. Der Seher Johannes sagt: Es kommt der Tag, an dem alle Tränen abgewischt werden. Es kommt der Tag, an dem aller Schmerz abklingt und endet. Es kommt der Tag, an dem Gott selbst bei uns Wohnung nimmt. So steht es im Buch der Offenbarung im 21. Kapitel: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Wie geht das? liebe Gemeinde, Wie geht das? Neues sehen? Wenn doch der Blick eigentlich auf das Alte, das Vergangene gerichtet ist? Auf den Abschied, auf die Erinnerungen, den Schmerz?
Der Tod beendet, was war. Ihnen fehlt ein vertrauter Mensch. Euch und Ihnen, Dir und mir. Trauer und Tränen.
Auch Dankbarkeit und Erlösung − vielfältige Gefühle − unterschiedlich wie Leben und Sterben erfahren wurden.
Wenn der Blick nach vorn verschleiert ist von Tränen. Neblig von Trauer. Die Schritte schwer vor Einsamkeit, dann ist es schwer, auf das zu sehen, was vor einem liegt.
Und doch sind wir auch hier, um gemeinsam den Blick nach vorn richten. Zu hören, zu staunen, zu hoffen, dass Gott uns entgegenkommt. Die, die können, schauen nach vorn für die, deren Augen noch nach hinten sehen müssen. Wer die Kraft dazu hat, nimmt andere an die Hand, die allein nicht gehen mag. Geduldig, abwartend sind wir unterwegs. Schritt für Schritt. Hinein in eine Zukunft, die der Seher Johannes für uns gesehen hat.
Hinein in eine Stadt, die uns erwartet und die noch niemand von uns betreten hat. „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“. Das neue Jerusalem kommt mitten hinein in die alte Welt und erneuert sie.
Wundervoll ist es dort. Ganz anders. Davon wird im Weiteren dann genau erzählt. Die Gebäude bestehen nicht aus Stein und Mörtel. Sie sind nicht zusammengefügt, haben keine Risse und Spalten. Ja, so ist es: Danach sehnen wir uns. Wir geben dem Neuen und Schönen den Vorzug vor dem Zerbrochenen und dem Kaputten. Und gleichzeitig erleben wir: Wir müssen mit Wunden leben.
Dort im himmlischen Jerusalem passt alles zusammen. Vollkommen. Die Straßen sind aus Gold, sie glänzen wie reines Glas. Die Stadttore sind weit geöffnet. Wie offene Arme. Die Stadt lädt alle ein. Wer woher kommt? Oder wie? Mit welchen Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen? Das ist unerheblich. Man kann alles mitbringen. Wer nach Gemeinschaft sucht, kommt herein. Wer sich nach Gottes Nähe sehnt, findet sie hier. Es gibt keine Tempel mehr; Gott wohnt bei den Menschen. Wer Trost braucht, bekommt Hoffnung. Gottes zärtliche Hände wischen alle Tränen ab.
Was bedrohlich ist, das bleibt außen vor. Es hat hier keinen Raum. Geschrei und Bitterkeit sind verstummt.
Nichts stört die Gemeinschaft. Ein herrlicher Ort. Hier ist niemand einsam. Niemals wieder.
Was für eine herrliche Zukunftsvision. Voller Kraft und Herrlichkeit. Aber nicht nur. Die Erinnerung daran, dass das Leben zum Heulen sein kann, ist noch da. Schmerz, Leid und Geschrei hallen noch nach. Ihre Macht über unser Leben lässt sich nicht wegwischen. Unser Leben ist brüchig. Der Tod ist grausam. Wir haben es erfahren im letzten Jahr: Tod, Abschied, Corona. Das Leben ganz anders. Und der Tod auch. Nicht dabei sein können beim Sterben, nicht die Hand halten dürfen, die einen selbst so oft gehalten hat. Abstand auch am Grab. Trauer auf Distanz. Es ist ein Segen, wenn angesichts dieser Erfahrung Pfleger da waren, Ärztinnen und Seelsorger, die getan haben, was sie konnten und manches möglich machten. Es ist ein Segen, wenn Menschen angerufen und nachgefragt haben. Vorbeigekommen sind und sei es auch nur für ein Gespräch vor der Tür oder einen Spaziergang. Nähe, die den Abstand überwinden konnte. Mit Gedanken und Worten. Das kostet Kraft. Darum brauchen wir Gotteskraft. Diese Kraft, die den Tod kennt und das Leben. Den Schmerz und die Hoffnung. Bilder dafür haben wir hier vor Augen: zum einen das Kreuz in unserer Peter− und Paulskirche. Das Kreuz: Es erzählt vom Todesschmerz und der Einsamkeit.
Dass der Tod nicht nur das Ende ist. Sondern ein neuer Anfang. Davon erzählt das große Glasfenster der Friedhofskapelle. Gottes−Gemeinschaft gegen den Tod.
Der entgegenkommende Christus strahlend und im Licht;
aus vielen Glasbausteinen doch zu einem Ganzen zusammengefügt.
ChristusFriedhof
Foto: Andreas Rau
Darum sind wir hier. Für den Anfang. Gegen den Tod. Gemeinsam. Die, die traurig sind, und die, die tragen.
Wir finden uns nicht ab mit der Einsamkeit und dem, was zerbrochen ist. Wir vertrauen auf einen neuen Anfang.
Wir trösten einander. Schenken Geborgenheit. Wir reden, lachen und weinen miteinander. Wir singen im Herzen gemeinsam und beten für andere.
Wir sehen die Kerzen, die brennen für die, die nicht mehr hier sind. Die schon bei Gott sind. Und nehmen so die Verstorbenen mit hinein in unsere Gemeinschaft. So suchen wir die Gemeinschaft mit dem Gott, der alle Lebenden und Toten in seinen Händen hält. Von dem ein Mensch in einem alten Psalm schon vor Jahrtausenden voll Vertrauen sagt: „Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.“ Psalm 147,3
Gott, Atem und Kraft in uns. Die in uns einzieht und in uns wohnt. In unseren Herzen und Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen. Gott begleitet uns auf dem Weg hinein in Gottes Zukunft. Geht mit uns dem entgegen, was kommt.
Der Tod bedeutet nicht das Ende. Er ist der Beginn einer ganz neuen Begegnung. Gott kommt entgegen. Gott, der jede Träne abwischt, der Schmerz, Leid und Tod endgültig überwindet. Der Tod ist kein dunkler Abgrund.
Der Tod ist der Eingang in ein neues, getröstetes, lichtvolles und befriedetes Leben in Gottes ewiger Gegenwart. Amen.
Die Liedzeilen, die Arno Pötzsch 1941 dichtete, mögen Ihnen Kraft und Licht sein in diesen dunklen Zeiten:
1. Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.
2. Es münden alle Pfade durch Schicksal, Schuld und Tod doch ein in Gottes Gnade trotz aller unsrer Not.
3. Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

08.11.2020
Von der Hoffnung inmitten dunkler Zeiten
Predigt vom drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 8. November 2020
Liebe Gemeinde,
Strahlend blau war am Samstag der Himmel.
Aber es ist Herbst. Schon um 17 Uhr wird es dunkel.
Die Tage werden immer kürzer.
Das Kirchenjahr geht zu Ende.
Wir spüren die verrinnende Zeit.
Nichts kann die Zeit anhalten.
Allenfalls besondere Ereignisse, Tage, die herausstechen:
Sie setzen Wegmarken in diese unaufhaltsam vergehende Zeit.
Was sind herausragenden Tage Deines und Ihres Lebens?
Für Sie, liebe Familie ____, war es die Geburt von Louisa vor 1 Jahr und 2 Tagen. Rafael hat eine Schwester bekommen. Nun dürfen Sie zwei kleine Wesen ins Leben begleiten und mit Ihnen die Welt entdecken.
Als Louisa das Licht der Welt erblickte, war noch „alles in Ordnung“. Jetzt ein Jahr später: Für Louisa sind Mund−Nase-−Bedeckungen was ganz Normales. Sie kennt es nicht anders. Für uns andere ist die Pandemiezeit sehr anstrengend und verunsichernd. Jetzt im Herbst war es wieder mühsamer sich an die Einschränkungen zu gewöhnen.
Die Taufe von Louisa heute, ist für ihre Familie und auch einmal für Louisa selber ein herausragender Tag. Gottes Segen bekommt sie und den Zuspruch ihres Taufspruchs:
Sei mutig und stark!
Fürchte dich also nicht, und hab keine Angst.
Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.
Ein bunter Strauß an besonderen und einmaligen Tagen kommt zusammen, wenn wir weiterdenken:
Für mich persönlich war auch der Tag meiner Konfirmation ein unvergesslicher Tag.
Den Segen so persönlich zugesprochen zu bekommen und zu erfahren − das möchte ich heute als Pfarrerin Jugendlichen ebenso mitgeben.
Aber auch, als die letzte Prüfung geschafft war;
als jemand den ersehnten Ausbildungsvertrag unterschrieb oder wagte ein eigenes Geschäft zu beginnen oder die kirchlichen Hochzeit − lauter unvergessliche Erlebnisse;
der Beginn des Ruhestands oder nach langer medizinischer Behandlung die erlösenden Worte der Ärztin:
Sie haben Ihre Krankheit besiegt.&lqduo;
Überlegen Sie doch einmal kurz,
überlegt euch:
Was war für mich ein wichtiger Tag in meinem Leben?“
Diese wunderbaren Tage bringen Licht und Freude in unser Leben, stechen hervor aus dem Einerlei der verrinnenden Zeit.
Für den Apostel Paulus ist ein Tag ein Herzensanliegen:
Die Hoffnung auf diesen Tag erfüllt, motiviert ihn und gibt Kraft zu all den Reisen, um andere Menschen von Jesus zu erzählen, auch gegen alle Anfeindungen und Widerstände.
Ich lese aus seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki (1. Thess. 5, 1−11):
1Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
2denn ihr selbst wisst genau,
dass der Tag des Herrn kommt
wie ein Dieb in der Nacht.
3Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“,
dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.
4Ihr aber seid nicht in der Finsternis,
dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.
5Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.
Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
6So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
7Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
8Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
9Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus,
10der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.
11Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.
Der „Tag Gottes“ ist der entscheidende Tag für Paulus. An diesen Tag erinnert Paulus die Empfängerinnen und Empfänger seines Briefes, die ebenso wie wir längst nicht mehr sicher sind, ob dieser Tag erlebbar ist.
Paulus vergewissert uns:
Die Welt hat eine Zukunft!
Ich selbst habe eine Zukunft!
Noch führt unser Weg oftmals durch Dunkelheit und Nebel. Oft spüren wir nichts von der Zukunft Gottes.
Manchmal sind wir gelähmt, verwirrt, mutlos, einsam und leer: als weltweite Gemeinschaft jetzt in der Pandemiezeit oder persönlich in schweren Zeiten.
Aber Gottes Herrschaft wird einmal vollkommen sein.
Wir sind noch nicht im Festsaal, aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik (Ernesto Cardenal).
Das Leben als Christ und Christin ist wie eine Schatzsuche. Seit heute ist Louisa mit dabei.
Der Glauben führt uns auf eine abenteuerliche Lebensreise, die nicht stecken bleibt in der Welt, wie sie ist, sondern darüber hinaus glaubt und hofft.
Paulus antwortet auf die Frage nach dem WANN mit zwei starken Bildern.
Er kommt wie ein Dieb in der Nacht
und wie die Wehen über eine schwangere Frau.
Ersteres bewirkt Angst und Unsicherheit.
Ein Dieb zerstört, woran wir hängen. Er stiehlt, was uns gehört. Er kommt völlig unerwartet.
Die Wehen der Schwangeren dagegen künden Erfreuliches an, etwas, worauf sich werdenden Eltern freuen.
Sie sind das Anzeichen dafür, dass neues Leben zur Welt kommen will.
Aber nicht nur das Ziel dieser Reise ist wichtig.
Paulus bringt vor allem eine neue Blickrichtung ins Gespräch:
Es kommt nicht so sehr darauf an, nach dem Ende der Zeiten zu fragen, sondern darauf, wie Menschen im Vertrauen auf den wiederkommenden Herrn hier und jetzt leben − als Kinder des Lichtes.
Mit wieviel Energie und Optimismus kommt uns da der Brief an die Gemeinde in Thessaloniki entgegen:
Ihr seid alle Kinder des Lichts + Kinder des Tages! ruft er auch uns zu.
Jetzt mögen Sie vielleicht denken:
Ja, aber ich bin allenfalls ein ganz kleines Licht.
Was kann ich schon? Was kann ich mit meiner kleinen Kraft schon vollbringen?

Wenn wir so denken, denken wir verkehrt herum.
Wir sind nicht Kinder des Lichts, weil wir so herausragenden Menschen sind, die so viel Besonderes leisten.
Wir sind Kinder des Lichts, weil wir zu dem Einen gehören, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt.
Wir gehören zu ihm ganz ohne unseren eigenen Verdienst, ohne dass wir eine Vorleistung bringen müssen.
Wenn wir das annehmen können, dann können wir auch das Leben als Kinder des Lichts gestalten.
Wir sollen wachsam und nüchtern sein, schreibt Paulus dann weiter, denn wir haben den Panzer des Glaubens und der Liebe und mit den Helm der Hoffnung auf das Heil.
Glaube, Liebe und Hoffnung schützen uns selber und wir können damit andere trösten und sie aufrichten.
Oder die anderen uns, je nachdem bei wem gerade Glaube, Liebe und Hoffnung stärker ist.
Keine weltbewegenden Heldentaten werden da erwartet, sondern ein fürsorgliches Miteinander.
Wir sind aufgefordert, mit offenen Augen durch das Leben zu gehen und wahrzunehmen, wenn es der Frau, dem Mann, dem Kind, der Jugendlichen neben mir schlecht geht, wenn Trost und ein offenes Ohr gebraucht werden.
So können wir füreinander Kinder des Lichts sein.
Und mitten in der Dunkelheit Zuversicht und Mut schenken.
Dafür dürfen wir uns alle von Louisa mit ihrem Taufspruch zugesagt lassen:
Sei mutig und stark!
Fürchte dich also nicht, und hab keine Angst.
Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst.
Dieses Glauben und diese Hoffnung wünscht Euch und Ihnen
Ihre Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

25.10.2020
Gebote und Freiheit − wie gehen wir damit um?
Predigt zu Markus 2,23−28 (→ nachlesen auf bibleserver.com) vom Sonntag 25.10.2020
Liebe Gemeinde,
was für ein Glück, dass es den Sonntag gibt, biblisch gesprochen den Sabbat − den Ruhetag − im Judentum am Samstag. Viele Menschen spüren heute mehr als vor 10 oder 20 Jahren, wie wichtig es ist, zwischendurch innehalten zu können.
Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) hat schon vor vielen Jahren diese Aktion gestartet:
OhneSonntag
Nicht für alle kann der Sonntag ein arbeitsfreier Tag sein:
wir sind dankbar, dass in den Krankenhäusern, bei der Polizei, in der Gastronomie und an anderen Orten Menschen sonntags arbeiten. Dabei muss immer abgewogen werden, wann ist es nötig und wann auch nicht. Sollen jetzt in der Pandemiezeit sonntags in den Wochen vor Weihnachten die Läden geöffnet sein, damit dort mehr Umsatz gemacht werden kann, wenn weniger Leute gemeinsam in den Läden sein können? Oder ist es wichtiger, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer ihren Ruhetag gemeinsam mit ihrer Familie haben? Meine Entscheidung ist ganz klar: kein Verkauf am Sonntag, denn es gibt viel zu wenig gemeinsame Zeit in den Familien und für Freundschaften.
Der Sabbat ist bis heute Herzstück des jüdischen Lebens. Fromme Jüdinnen und Juden halten sich ganz genau an die Vorschriften. Sie tun nicht mehr als 2000 Schritte. Sie schalten das Licht nicht an oder aus. Sie kochen nicht am Sabbat, sondern vorher. Sie treten sich nicht die Füße an der Fußmatte ab, denn all das gilt als Arbeit. Aber auch für die weniger Frommen, die zum Beispiel Ausflüge machen, hat der Sabbat große Bedeutung als Tag der Familie. Dass der Sabbat eingehalten wurde, darauf wurde schon in der Zeit von Jesus streng geachtet. In den Evangelien sind es die pharisäischen Menschen und Schriftgelehrten, die sich für ihn einsetzen und die in einigen Geschichten des Neuen Testaments wegen des Sabbats mit Jesus in Konflikt kommen. So auch in unserem Predigttext heute. Er steht in Markus 2, 23−28:
"Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
Stellt euch, Stellen Sie sich mal die Situation vor. Da geht eine Gruppe Menschen durch Getreidefelder hindurch. Sie haben Hunger. Sie bedienen sich an den Ähren. Schon das würde heute Ärger beim Bauern hervorrufen, wenn er zufällig vorbeikäme − wenn da ein Haufen Leute einfach den Weizen abreißt! Aber das wird gar nicht problematisiert, sondern dass sie es an einem Sabbat tun, das ist das Anstößige für die Pharisäer. Jesus verteidigt seine Leute mit einer Geschichte der Hebräischen Bibel. Und schließlich sagt Jesus: "Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen".
Liebe Gemeinde, da hat Jesus es den Pharisäern aber gegeben! Nun wissen wir ganz genau, dass wir uns um starre Regeln nicht zu kümmern brauchen, wenn sie unser Wohlbefinden einschränken. Jedes Gebot soll dem Menschen dienen, und nicht umgekehrt. Das klingt menschlich, das klingt modern, das klingt gut.
Jesus klingt aber ganz anders, wenn er über die Ehescheidung spricht: In Markus 10 sagt Jesus zu den Pharisäern, die darauf hinweisen, dass Mose zugelassen hat, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. "Da sagt Jesus: Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden".
Wenn Jesus heute mit Menschen darüber diskutieren würde, dann wären da die Meinungen auch verschieden. Da würde sicher heftig gestritten. Am Sonntag sahen wir im Gottesdienst aus der Reihe "Evangelisch für Anfänger" so kontroverses Gespräch, von Menschen wie du und ich zur Frage äußerten: darf ich mich scheiden lassen.
Wie ist das mit den Geboten, die gut für Menschen sind oder sein sollen? An vielen Stellen sind wir in dieser Diskussion gerade mittendrin in der Pandemiezeit. Im Seniorenzentrum im Schloss gibt es strenge Besuchsregeln, um die Bewohner und Bewohnerinnen zu schützen. 2 Angehörige dürfen unter strengen Vorgaben pro Tag zu einem Menschen dort kommen.
Das bedeutet aber auch: Die Kirchen dürfen dort keine Gottesdienste mehr feiern. Heute wäre ich sonst davor dort zum Gottesdienst gewesen.
Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 müssen den ganzen Vormittag Masken tragen − außer, das kam jetzt hinzu: wenn in der Pause der Abstand von 1,5m eingehalten wird.
Aber nur so, wird gesagt, ist es wieder möglich, Schule gemeinsam zu haben und nicht jede und jeder allein zu Hause Online−Unterricht. Denn junge Menschen sehnten sich im Lockdown sehr nach sozialen Kontakten.
Kann der KPV (Krankenpflegeverein) Bewegung und Spaß im Römerpark jetzt anbieten: Gymnastik an frischer Luft für Senioren, diskutierten wir kontrovers im Vorstand des KPV und haben dann JA gesagt. Also ab Dienstag 3. November wird dies wieder angeboten.
Sind wir alle bereit und können wir es: persönliche Kontakte zu beschränken, damit die Infektionszahlen sinken und mehr Menschen wieder ohne Maske dann frei atmen und sprechen werden können? In der Zeitung las ich: In Schweden halten sich Menschen freiwillig an die Aufforderungen, ohne dass es Gesetz ist und von der Polizei mit Strafen belegt werden muss. In Belgien versuchen möglichst viele Menschen die Gesetze zu um gehen. Erstaunlich wie verschieden Menschen unterschiedlicher Nationen sind.
Wie Jesus und die Pharisäer damals diskutierten und stritten, was gut für die Menschen ist, das brauchen wir heute auch.
Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Aber es ist ja gar nicht leicht in konkreten Situationen, gute Entscheidungen zu finden, wenn es um das Abwägen geht zwischen persönlicher Freiheit und dem Gebotenen für ein gutes Zusammenleben. Die Corona−Pandemie lehrt uns dies 2020 sehr schmerzlich. Das muss in einer Demokratie wie auch in einer demokratisch verfassten Kirche möglich sein. Es hat sich viel verändert, was früher verboten oder undenkbar war. Denken Sie an die Rechte der Frauen oder an die Rechte und Möglichkeiten von gleichgeschlechtlich Liebenden! Katholische Christinnen und Christen und der Papst ringen hier gerade auch wieder um einen guten Weg.
Regeln und Gesetze müssen menschlich sein, denn Gott liebt uns Menschen. Das ist für mich eines der Zentren meines Glaubens. Gott liebt uns und Gott will uns Freiheit schenken für das Miteinander und für uns selbst. Gott will aber auch, dass wir Verantwortung übernehmen für andere Menschen und für diese Welt.
Zum Predigttext und Sabbat zurück: Ich glaube, es täte uns heute gut, grundsätzlich das Leben zu entschleunigen. Denn in unserer digitalisierten Welt sind die Ansprüche der Arbeitgeber oft grenzenlos. Es muss schnell und viel und dauernd gearbeitet werden. Dauernd sollen Menschen erreichbar sein.
Auch am Wochenende soll auf Mails geantwortet werden. Allerdings sind die Ansprüche vieler Arbeitnehmer an Wohlstand und Besitz auch grenzenlos. Ein großes Haus, ein großes Auto oder gleich zwei, ständig neue Kleidung, jeden Tag Fleisch auf dem Teller. Das muss ja alles auch bezahlt werden und dafür muss man viel arbeiten. Ich sehne mich nach einer einfacheren Welt: weniger Autos und besserem öffentlichen Nahverkehr, weniger Einfamilienhäusern, dafür alternative Wohnprojekte, weniger Besitz und mehr Gemeinschaft, nach einer Welt, in der die Menschen weniger arbeiten, weniger Geld ausgeben und mehr Zeit haben für die Familie, für die Sorge um Kinder und Senioren und für sich selbst. Sabbat als Lebenseinstellung sozusagen. Nicht ständige Ruhe. Das wäre ja langweilig. Aber immer wieder Ruhezeiten.
Sie merken also, ich finde den Sabbatgedanken, den Gedanken der Ruhe und Pause, ganz wichtig. Darüber würde ich mit Jesus gerne diskutieren, ob seine Worte nicht den Weg dahin geöffnet haben, pausenlos zu arbeiten.
Wir leben nicht im Paradies. Daher brauchen wir Gebote und Regeln. Aber sie dürfen nie zum Selbstzweck werden, sondern sie sollen den Menschen dienen, das lernen wir bei Jesus.
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

18.10.2020
Leben aus der Taufe mit dem neuen hellen Kleid
Der Predigttext vom vergangenen Sonntag fordert heraus, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen, das tief in uns steckt und doch auch wandelbar ist.
Paulus schreibt im Brief an die Epheser 4,22−32 (Gute Nachricht) (→ nachlesen auf bibleserver.com)
"22Legt also eure frühere Lebensweise ab! 23Lasst euch in eurem Denken erneuern durch den Geist, der euch geschenkt ist. 24Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der gerecht und heilig lebt aus der Wahrheit Gottes, an der nichts trügerisch ist. 25Legt das Lügen ab und sagt zueinander die Wahrheit; denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus. 26Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet! Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. 27Gebt dem Versucher keine Chance! 28Wer vom Diebstahl gelebt hat, muss jetzt damit aufhören. Er soll seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen und zusehen, dass er auch noch etwas für die Armen übrig hat. 29Lasst ja kein giftiges Wort über eure Lippen kommen! Seht lieber zu, dass ihr für die anderen, wo es nötig ist, ein gutes Wort habt, das weiterhilft und denen wohl tut, die es hören. 30Beleidigt nicht durch euer Verhalten den Heiligen Geist! Er ist wie ein Siegel, das Gott euch aufgedrückt hat, und er verbürgt euch die endgültige Erlösung. 31Weg also mit aller Verbitterung, mit Aufbrausen, Zorn und jeder Art von Beleidigung! Schreit einander nicht an! Legt jede feindselige Gesinnung ab! 32Seid freundlich und hilfsbereit zueinander und vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt."
Ich stehe vor meinem Kleiderschrank, liebe Gemeinde. Mancher Schrank hat ja eine Spiegeltür. Ich stell mir vor:
ich stehe vor dem Spiegel. Was habe ich da im Epheserbrief gelesen? Es war mit meinen Worten gesagt diese Aufforderung: Leg den alten Menschen ab. Diese Person entspricht nicht mehr deiner neuen Lebensweise. Leg den alten Menschen ab wie du ein altes Kleid ablegst, das abgenutzt, verschlissen ist. Lass dich erneuern in deinem Denken durch Gottes Geist.
Ich frage mich: Wie sieht er denn aus, der alte Mensch, wie sieht es denn aus, das alte Kleid, das mir nicht mehr passt, das nicht mehr zu mir passt, wenn die Geistkraft Gottes bei mir Einzug gehalten hat in mein Denken und Reden und Tun?
Das alte Kleid − es hat Flecken. Da sind die gelben Lügen−Flecken: Notlügen sind noch die kleinsten: "Ja, das Essen hat wunderbar geschmeckt!" "Danke, mir geht es gut!" "Ich habe heute keine Zeit, dich zu besuchen."
Dazu kommen größere und kleinere Unwahrheiten und Unehrlichkeiten. Die geschummelte Steuer, das Abschreiben beim Test die verheimlichte Sucht, oder ganz anderes.
Und da kann noch ein sehr großer gelber Fleck sein. Meine große Lebenslüge: "Ich schaffe alles auch allein, ich brauche nichts geschenkt. Wenn ich die Zähne zusammenbeiße und noch besser, noch vorsichtiger, noch gründlicher und perfekter bin, dann habe ich mein Leben im Griff. Dann kann mir nichts passieren."
Daneben leuchten dick und rot die Zornes−Flecken auf dem alten Kleid. Sie könnten ganz hübsch aussehen, wie Blüten oder freche Muster. Doch manche sind grob. Mein Zorn gekränkt und verletzt statt zum Guten zu bewegen. Dadurch ist eine Beziehung zerbrochen und Vertrauen zerstört.
Und dann: Es sind mehrere Löcher im Kleid! Waren hier nicht mal wertvolle Perlen aufgenäht als Angeld für die Zukunft? Die Perlen, sie sollten helfen, die Zukunft der Kinder zu sichern, sauberes Wasser, gesunde Luft, lebensfreundliches Klima, Nahrung und ein schützendes Dach für alle. Jetzt sind sie rausgerissen oder geschnitten. Die Erde ausgebeutet − Kinder schuften in Coltanminen für unsere Smartphones − oder in Steinbrüchen. Geblieben sind schrecklich viele Löcher. Ich habe nicht genug aufgepasst, war unachtsam, habe mehr verbraucht, als mir zusteht, habe nur an mich gedacht. Dabei sind die Löcher entstanden, die mein Kleid so verunstalten. Und damit nicht genug.
Das Kleid hat auch giftgrüne Spritzer. Hässliche Worte, die klein machen und verletzen. "Das wirst du nie schaffen." "Du bist doch auch nicht besser." "Immer hast du etwas auszusetzen." "Ich hätte etwas anderes von dir erwartet." "Du hast es wieder einmal falsch gemacht."
Nein, dieses Kleid ist nicht schön. Voller Flecken und Löcher. Das will ich nicht mehr tragen!
Aber woher bekomme ich ein neues, ein passendes, heiles und sauberes Kleid? Wodurch werde ich ein neuer Mensch?
23Lasst euch in eurem Denken erneuern durch den Geist, der euch geschenkt ist. 24Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der gerecht und heilig lebt aus der Wahrheit Gottes.
Also gibt es ihn schon, den neuen Menschen. Es ist schon da, das neue Kleid, das ich anziehen kann. Ich trage es bereits seit meiner Taufe.
In den Anfängen der Kirche zogen die Menschen nach ihrer Taufe ein weißes Gewand, ein weißes Kleid so wie die Engel, die Boten der Auferstehung am Ostermorgen es trugen.
Im Galaterbrief schreibt Paulus: "Denn als ihr in der Taufe Christus übereignet wurdet, habt ihr Christus angezogen wie ein Kleid.“ (Gal 3, 27)
Solch ein Kleid trage ich sinnbildlich auch. Habe es geschenkt bekommen bei meiner Taufe. Ein einfaches leichtes weißes Kleid. Schützt mich, umhüllt mich, verwandelt mich immer wieder. Dazu habe ich farbige Stoffe bekommen und Knöpfe und Perlen. Damit kann ich mein Kleid verzieren und mich schön machen. Gottes Geist hilft mir. Aus dem gelben Stoff nähe ich eine Borte. Hell, einfach und klar ist sie, wie die Wahrheit. Hilfreich für meine Nächsten: Möchtest du wissen, wie es mir mit dir geht? Ich muss dir etwas gestehen. Kann ich mal offen mit dir reden? Ich mache mir Sorgen. Wie können wir das gemeinsam ändern?
Dann fällt mir der knallrote Stoff ins Auge. Sein Leuchten reizt mich. Ich nähe mir daraus glühende Sonnen auf das Kleid. So wie mein Zorn, der aufflammt und brennt und auf Missstände aufmerksam macht. Er soll nichts verbrennen, sondern Veränderungen bewirken. Aber mein Zorn muss auch wieder erlöschen, so wie die untergegangene Sonne, die nachts Kraft schöpft für den nächsten Tag. Paulus weiß, es geht nicht ohne Zorn, aber "26Versündigt euch nicht, wenn ihr in Zorn geratet! Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen."
Taschen kommen auf das Kleid aus grünem Samt. Sanft, weich, wärmend. So wohltuend wie Worte, die Gutes wirken, die aufbauen und stärken: "Ich bin gern mit dir zusammen." "Du kannst das richtig gut." "Ich bin so froh, dass es dich gibt." "Lass uns zusammen nach einer Lösung suchen." "Wie kann ich dich unterstützen?"
Dann sind da die vielen verschiedenen Knöpfe und Perlen.
Wertvoll und hübsch sehen sie aus. Daraus kann ich Armbänder fädeln und sie verschenken. Sie erinnern uns an die wunderbaren Schätze der Natur und auch daran, wie vielfältig und bunt die Menschen sind, die alle gut in dieser Welt leben wollen.
"32Seid freundlich und hilfsbereit zueinander und vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt."
Ja, dann geht es mir gut mit meinem hellen, freundlichen und bunt verzierten Kleid.
Zwei Kleider, alt und neu. Das eine soll ich ablegen und das neue anziehen. Ein Bild für den Menschen, den alten und den neuen. Hier merke ich, wie das Bild an seine Grenzen kommt.
Kann ich den alten Menschen ablegen, wie ein verschlissenes Kleid? Ich bleibe Ich, mit all dem, was mich ausmacht, mit meinen Fehlern und Ecken und Kanten, mit meinen Versäumnissen und Unzulänglichkeiten. Andererseits bin ich seit der Taufe neu mit den vielen Möglichkeiten, mit dem, was Gott in mich gelegt hat und in mir wachsen lässt.
Das alte Kleid, ich habe es doch schon so lange. Es ist bequem und vertraut, wärmt mich, wenn es kühl ist, wenn mich der raue Wind durchpustet. Ja, es kratzt an manchen Stellen etwas, aber kann ich es wirklich für immer weglegen?
Das neue ist so dünn und leicht, so luftig, ja irgendwie unfertig.
Da muss ich so viel dazutun, das ist anstrengend, den Kragen und die Borten und Taschen drauf zu nähen.
So vor dem Spiegel stehend denke ich: Ich will das neue helle Kleid auf mich wirken lassen und in mir; mich der Geistkraft überlassen, auch wenn das kostet Kraft und ich loslassen muss.
Wie schön ist es, wie schön bin ich, wenn das gelingt!
So werde ich wohl mit beiden Kleidern leben, so werde ich mit mir leben, alt und neu, mal mehr das eine, mal mehr das andere. Mal blitzen die Flecken und Löcher durch, mal die feuerroten Sonnen und die gelbe Borte, das zarte Weiß. Mal hält mich die alte Lebensweise in ihrem Bann. Mal ist mein Denken und Verstehen von Gottes Geistkraft erfüllt. Beides gehört zu meinem Leben, und ich bin froh, dass ich nicht nur das alte Kleid habe, sondern auch das neue: das voller Möglichkeiten und Herausforderungen und einem großen Versprechen. Denn ich weiß, welches davon bleibt und mich in Gottes Wirklichkeit umkleidet hier und für alle Zeit.
Mögen Sie, mögest Du auch aus diesem Vertrauen auf die Taufe und das neue geschenkte helle Kleid leben.
Das wünscht allen Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

23.09.2020
Predigt zum Gottesdienst vom 20. September − Garten Eden
Vögel bauen ein Nest, bevor die Kleinen schluuml;pfen. Eisbären graben eine Höhle zum Schutz für ihre Jungen. Für unsere Babys schaffen wir ein Bettchen an. Wir sorgen für die, die wir lieben. Und Gott? Gott tut das auch. Von Anfang an. So steht es geschrieben im 1. Buch Mose:
Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.
Im Urwald war ich diesen Sommer. Sie und ihr habt richtig gehört, liebe Gemeinde! In meinem Sommerurlaub war ich eine Woche im größten Urwald Deutschlands, dem Hainich. Die Pandemie hat auch positive Seiten. Die Wegstrecke in den Urlaub verkürzten wir und blieben in Mitteldeutschland. Der Hainich ist ein Waldstück nördlich von Eisenach. Es gehört seit 2011 zum UNESCO−Weltnaturerbe. Der größte Rotbuchen−Urwald Deutschlands ist gerade mal 160m2 groß − 20 x 8 km ist also seine Ausdehnung, durch den keine befahrene Straße führt, sondern nur Fahrrad− und Wanderwege und Pfade. Ganz schön weit, wenn man ans andere Ende möchte und außenrumfahren muss. Schon lange wollte ich da mal hin, denn mir ist es ein Anliegen, dass die Wildkatze in Deutschland wieder sich ausbreiten kann. Im Hainich leben ca. 80 Wildkatzen. Für mehr ist dort auch kein Platz, denn Wildkatzen brauchen große Reviere. Es wird weiter daran gearbeitet, dass Grünbrücken zu anderen Waldgebieten im Thüringer Wald und im Harz entstehen, so dass junge Wildkatzen in neue Reviere auswandern können. Im Wildkatzendorf leben 4 Kater jeder in seinem eigenen eingezäunten naturnahen Bereich. Bei einer der täglichen Fütterungen habe ich die 4 gesehen und mir mit anderen erzählen lassen, wie unterschiedlich diese 4 sind und manches mehr.
20201023_WildkatzenKater
Vielleicht haben mein Mann und ich abends vom Auto aus auch noch eine Wildkatze beim Überqueren der Straße gesehen − sie hatte diesen buschigen Schwanz mit den schwarzen Ringen − aber viel eher war es wohl eine der Millionen Hauskatzen, die es bei uns gibt, seid die Römer sie vor Jahrhunderten mit über die Alpen brachten. Enttäuscht war ich manchmal ein wenig von meinem Urlaub und den Wanderungen durch den Urwald. Da sind Milliarden Lebewesen − gerade auch im Totholz der Bäume − und kaum eines bekomme ich zu Gesicht. Ein toller Baumwipfelpfad führte hochhinaus und zeigte und erklärte vieles über den Urwald, die Tiere und Pflanzen, die Bedrohung und die Bemühungen um den Wald. Mit Fernglas ausgerüstet hätten wir gerne viele Vögel gesehen − doch die sah ich eher dort oder hier bei uns, wenn wir alleine unterwegs sind. Es ist eben kein Zoo, sondern eine große lebendige Welt, wo alle nach den eigenen Bedürfnissen leben sollen!, wollen! und können? Selbst ein Förster würde dort in 10 Jahren Arbeit nur zweimal einer Wildkatze in freier Wildbahn begegnen, habe ich gelernt. Das heißt: ich muss demütiger sein; wir Menschen müssen demütiger sein beim Besuch im Garten Eden.
Gottes Schöpfung, der Garten, den Gott für viele Tiere, Pflanzen und Menschen schafft, ist nicht so wie jede und jeder sich vielleicht das Paradies selber vorstellt. Es ist ja ein großes Miteinander, aber auch gegeneinander, denn jede und jeder braucht eigene Lebensbedingungen und muss satt werden. So gibt es immer auch Konkurrenz unter den Lebewesen. Und es gab und gibt immer wieder eine neue Balance durch die Jahrtausende. Gott als Gärtner hat diese Welt gewollt. Gott hat uns Menschen hineingesetzt in diesen großen Garten, der für Aber−Milliarden Lebewesen Heimat ist:
Pflanzen, Tiere und mittlerweile 7 Milliarden Menschen. Früher waren es viel weniger und konnten erst mehr werden, als frühere Menschen lernten nicht nur zu sammeln, zu fischen und zu jagen, sondern auch das Land zu bebauen. Weil es immer mehr Menschen wurde und wir Menschen bessere Techniken entwickelt haben, ist die Balance innerhalb der Schöpfung irgendwann in Richtung der Menschen verrutscht. Und auch davon habe ich diesen Sommer einiges erfahren.
Unsere zweite Urlaubswoche führte ans Steinhuder Meer − 30km westlich von Hannover. Da von der A7 mit ihren Baustellen und ein langer Stau mit 1 Stunde Wartezeit gemeldet wurden, fuhren wir kurzentschlossen vom Hainich über den Harz zum Steinhuder Meer. Die riesigen Flächen toter Fichten im Harz waren erschreckend. Die Hitze durch den Klimawandel machen es dem Borkenkäfer leicht, sich dort auszubreiten. Der Naturpark Harz wird sich wandeln müssen.
Auch im Gebiet rund um das Steinhuder Meer hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles gewandelt. Es gibt wieder Fischadler und Seeadler − auch wenn ich keinen in der Natur gesehen habe. Von den Menschen dort waren sie ausgerottet worden, weil die Adler den Menschen zu viele Fische weggefangen und an ihre Jungen verfüttert haben. Als die Bevölkerung im 19. Jahrhundert stark angewachsen ist und Hunger litt, wurden die Adler abgeschossen. Das verstehe ich schon auch. Was würde ich tun, wenn ich Hunger litte. Aber das bedeutet eben: Der Stärkere überlebt − und das waren die Menschen. Aber nun nutzen Menschen auch ihre Stärke und ihr Wissen, um diesen Tieren bei uns wieder ihrem Lebensraum Platz zu geben. Aus der Ferne, bei allerlei extra eingerichteten Aussichtspunkten und mit Webcams können Menschen sie erblicken und staunen. Bei mir waren es dieses Jahr eine große Fülle von Graugänsen und Schnatterenten, die sich ganz nahe oder mit dem Fernglas beobachten ließen.
Menschen bebauen und bewahren unsere Lebensgrundlage. Im Gespräch fragte ich vor einigen Tagen eine Köngener Landwirtin nach der diesjährigen Ernte. Sie erzählte, dass die Trockenheit nicht ganz so schlimm wie letztes Jahr ist, dass aber die aktuelle Weinlese stark beeinträchtigt ist durch Schädlinge, wie die Kirschessigfliege. Da hat die Arbeit mit Nützlingen dieses Jahr nicht ausgereicht und selbst die chemische Keule nicht. Je nachdem was ich in meinem Garten, auf meinem Feld und im Weinberg haben will, gibt es Kraut und Unkraut, Nützlinge und Schädlinge in unseren Augen − alles Geschöpfe Gottes. Sorgen und Probleme gehören für Menschen, Tiere und Pflanzen immer auch zum Leben. Gott sorgt für alle − aber Gott braucht auch unser Sorgen für eine Balance und ein Miteinander in der Schöpfung. Dass Gottes Erde für viele Zukunft hat und der menschengemachte Klimawandel nicht zur stark wird und dabei müssen wir im Blick behalten, dass nicht nur das was mir wichtig ist und ich als wertvoll erachte, auch in Gottes Augen so ist.
Diese Woche habe ich einen beeindruckenden Mann durch einige seiner Texte kennengelernt: Jürgen Knop. Ihn will ich jetzt zu Wort kommen lassen.
VON GOTT GESCHAFFEN
Die Menschen nennen mich behindert, und sie haben recht, das bin ich auch. Die Menschen nennen mein Leben kostspielig, und sie haben recht, das ist es auch. Die Menschen nennen mich unproduktiv, und sie haben recht, das bin ich auch. Nur Gott nennt mich seine gute Schöpfung, und er hat recht, das bin ich auch. Er erzählt: Ich lebe gerne, denn mein Leben ist schön! Wenn Sie mich sehen könnten, würden jetzt etliche von Ihnen über diese Aussage sehr überrascht sein. Ich sitze im Rollstuhl. Mein ganzer Körper ist ständig in Bewegung und der Gesichtsausdruck wird ständig durch Krämpfe zu Grimassen verunstaltet. Und trotzdem kann ich sagen: Ich lebe gerne, denn mein Leben ist schön. Zwar herrscht in unserer Gesellschaft die Meinung vor, dass nur der sich durchsetzen und es zu etwas bringen kann, der einen starken unbehinderten Körper hat.
Wer diese Spielregeln unserer Ellenbogengesellschaft aus geistigen, seelischen oder körperlichen Gründen nicht beherrscht, den bezeichnet man nach modernem Sprachgebrauch als „Weichei“. Gewiss, damals als junger Mensch war auch. Für mich der Gedanke schwer zu ertragen: Sollte ich ein Leben lang berufsunfähig sein und im Pflegeheim leben müssen? Eigentlich nur aus Langeweile begann ich damals in der Bibel zu lesen. Mit Verwunderung merkte ich bald, dass in der Bibel ganz und gar keine alten, verstaubten Geschichten standen, wie ich immer gedacht hatte. Dort wurde von Menschen erzählt, die die gleichen Sorgen, Ängste, Sehnsüchte oder Freuden wie ich hatten. Aus diesen Geschichten lernte ich, wie die Menschen mit ihrem Leben fertig wurden. Bin ich also wirklich ein „Weichei“? Wie man ein weiches Ei in einen Eierbecher setzt, um es zu schützen, so brauchen auch wir Behinderte Schutz. Solch ein schützender „Eierbecher“ für uns Hilfesuchende ist zum Beispiel die Diakonie. In Diakonischen Anstalten arbeiten Menschen, die dafür sorgen, dass ich und mit mir viele andere trotz schwerer Behinderungen ein Leben in der Würde führen können, die jeder von uns von Gott selbst verliehen bekommen hat. Und deshalb lebe ich gerne.
Liebe Gemeinde, Gott schenkt Leben in großer Fülle Menschen, Tieren und Pflanzen. Jede und jeder hat beim Hören des Predigttextes eigene Bilder vor sich von Gottes Garten Eden. In diesem Sommer habe ich entdeckt, dass meine Bilder und Vorstellung kleiner und enger sind als Gottes Denken und dass uns Gott trotzdem umsorgt und braucht. Das ist hier im Leben und auch in Gottes Ewigkeit nicht so einfach: ich bin gespannt, wie Gottes ewiges Paradies einmal ausschaut, falls dies auch ein Garten sein wird. Aber hier wie dort dürfen wir staunen und Gott loben.
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

21.07.2020
Predigt zum Sonntag, 16. August
zum Film „Grüner wird‘s nicht, sagte der Gärtner und flog davon
Liebe Zuhausegebliebenen oder schon vom Urlaub Zurückgekehrten,
wir befinden uns mitten im Sommer − mitten in den Ferien − inmitten unserer Lebensreise. Wir dürfen abheben auch mal zwischendurch bei einem Film, beim Lesen des Textes oder am Sonntag den Alltag hinter uns lassen − frei sein und das Leben genießen. Dazu lud der Gottesdienst zum Kirchenkino mit dem Film „Grüner wird‘s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ am letzten Sonntag ein.
Er nahm die Sehnsucht in den Blick.
Liebe Gemeinde,
da wohnt ein Sehnen tief in uns. Ja, wir würden dies gerne erleben: das Leben in seiner ganzen Fülle, das Jesus verspricht.
Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir,
dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.
Wünsche und Träume gehören zum Leben. Was ist ihr Sehnsuchtsort? Wohin würdest du gerne reisen? Gibt es etwas, was sie, was du noch erleben möchtest? Das Pilgern war für mich so ein Sehnsuchtsziel. Immerzu will sie etwas, die Sehnsucht:
in der Kindheit lässt sie einen träumen, ein Cowboy zu werden oder eine berühmte Ballerina. Später kommen Berufswünsche hinzu: Lehrerin oder Lokführer und allgemeine Lebenswünsche nach einer Familie, einem tollen Auto, einem guten Job, nach Reisen und Abenteuer. Die Sehnsucht ist ein lockender Traum, ein süßes schmerzliches Verlangen, ein schwärmerisches Suchen nach einem Leben in Fülle. Mancher Traum erfüllt sich.
Aber schon bald klopft die Sehnsucht dann wieder an die Tür.
Manche Träume erfüllen sich nicht. Lähmend und verdüsternd können sie dann ¨ber dem ganzen Leben liegen.
Nicht nur über dem Leben des einzelnen sondern damit auch über der ganzen Familie wie im Film "Grüner wird‘s nicht".
Drei Familienmitglieder gehören zur Familie Kempter: Georg − Schorsch genannt − Kempter stammt aus einer Gärtnerfamilie am Tegernsee. Pilot wollte er werden, erzählt er seinem ungeschickten Auszubildenden, der lieber was mit Computern machen will. Aber der Vater hatte eine Gärtnerei & kein Flugunternehmen. Und so wird er Gärtner − ein guter Gärtner,
aber auch ein unzufriedener Mensch. „Gegessen wird immer noch um sechs“, grollt Schorsch und verlässt den Tisch seine Tochter Mirjam etwas zu spät kommt.
Düster ist es in der Wohnung. Düster ist das Leben der Familie Kempter. Georg ist wie sein Vater. „Du kennst doch den Opa“, sagt seine Frau Monika zur Tochter. Jede und jeder legt den und die andere fest. Durch ausgesprochene oder durch fehlende Worte. Schorsch weiß, dass Miriam nicht seine Tochter ist, aber er erzählt dies seiner Frau nicht und seine Tochter versteht nicht, warum ihr Vater sie nicht lieben kann.
Monika Kempter erträgt viel − viel zu viel − und alle Lebensfreude ist gewichen. Nur wenn sie bei ihren Orchideen ist, wird es hell.
Jede und jeder hat eigene Lebensträume: Mirjam will Künstlerin werden; doch ihr Vater macht das Werkstück für die Aufnahmeprüfung lächerlich; Mirjam soll die Gärtnerei übernehmen.
Seine Frau Monika züchtet Orchideen, träumt von einem eigenen Blumenladen aber traut sich nicht, weil Schorsch mit seiner mürrischen Art alles sofort im Keim erstickt. Wie viele Worte vernichten Leben, machen jemanden fertig, verletzen oder machen klein.
Der Familienbetrieb steht vor dem Ruin, weil ein Großkunde nicht zahlen möchte. Dem dreisten Golfplatz−Bauherrn ist das von Schorsch angelegte Grün nicht grün genug. Als auch noch sein geliebtes Oldtimer−Flugzeug gepfändet werden soll, steigt Schorsch einfach ein und fliegt auf und davon. Sein Traum war schon immer einmal das Nordkap/die Nordlichter zu sehen.
Schorsch lässt alles zurück. Lässt seine Frau und seine Tochter mit den Problemen allein.
Die Sehnsucht hat zwei Seiten: Zum einen können wir mit ihrer Hilfe unsere Wirklichkeit besser ertragen. Zum anderen können wir durch sie nach Veränderung oder Verbesserung streben.“ sagt ein Familien− und Paartherapeut.
Den hätten Schorsch und die Familie früher gebraucht.
Bisher konnte Schorsch alles ertragen, weil er ja noch sein Flugzeug hatte und dann abheben konnte und dem Alltag entfliehen. Wenn nun aber das Flugzeug weg wäre &minus: unerträglich dieser Gedanke. Deshalb handelt er völlig irrational, aber dadurch kann bei allen eine Veränderung in Gang kommen.
Unsere Sehnsüchte bieten uns die Chance, zu erkunden, was hinter unserem Verlangen steckt. Jede Sehnsucht ruft danach, dass wir uns Fragen stellen, um uns selber auf die Spur zu kommen: Umgebe ich mich mit den richtigen Menschen?
Überfordert mich etwas? Erfüllen mich meine Aufgaben? Bin ich am richtigen Ort? Alles, nach dem wir uns sehnen, birgt noch etwas Tieferes in sich.
Wer der Sehnsucht auf den Grund geht, wird mit ihr umgehen können, statt sich von ihr gefangen zu fühlen. Für Pater Anselm Grün geht die Sehnsucht weit über die Erfüllung konkreter Wünsche hinaus: „Sie treibt uns an, immer weiter zu suchen, uns immer wieder neu auf den Weg zu machen. Die Sehnsucht hält uns lebendig. Sie macht das Herz weit.
Im Film öffnet sich Schorsch. Er begegnet vielen Menschen.
Er muss sich auf sie und neue Situationen einlassen. Mit jedem Start und jeder Landung öffnet er sein Herz wieder für das, was man eine Ahnung von Glück nennt. Und Schorsch kann sich öffnen, Worte finden und sich auch etwas sagen lassen von zwei Frauen der jungen Philomena + der vom Leben verwundeten Hannah.
Durch Schorsch lernt Philomena baggern und gärtnern und entdeckt sich völlig neu. Sie erlebt ihn als guten Vater. Durch Hannah lernt Schorsch zu reden und seine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, auszudrücken und dadurch auch wahrzunehmen.
Worte können verletzen. Worte können heilen. In der Bibel finden wir solche Worte, die Leben bewirken, die ermutigen, stärken und uns Hoffnung geben, unsere Sehnsucht stillen und zugleich offenhalten. Spannende Aspekte habe ich im 10. Kapitel des Johannesevangeliums gefunden.
Jesus sagt:

„Ich bin das Tor.
Wer durch mich hineingeht, wird gerettet.
Er wird hinein- und hinausgehen
und eine gute Weide finden.
Ich bin gekommen,
um den Schafen das Leben zu bringen −
das Leben in seiner ganzen Fülle.“

Jesus sagt: Ich bin das Tor.
In der Begegnung mit Jesus öffnet sich etwas. Ich kann verschiedene Räume erkunden. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein− und hinausgehen und eine gute Weide finden. Rettung, Erlösung finde ich da, wo ich nicht festgelegt werde, sondern als geliebter Mensch frei bin, auch neue Wege zu gehen.
Schorsch sehnt sich danach seine Frau und seine Tochter lieben zu können, aber er muss erst ausbrechen, die Tür öffnen, um lieben zu lernen.
Wer sich nach Liebe sehnt, sehnt sich nicht mir nach einem konkreten Menschen“, sagt Anselm Grün, „Es ist die Sehnsucht danach, Liebe zu sein… Sie soll uns in Bewegung bringen, damit wir uns selbst nahekommen und uns für die Menschen öffnen, die schon in unserer Nähe sind.
Jesus lehrt uns, Liebe zu sein. Auch sich selbst zu lieben mit allen Stärken und Grenzen und Fehlern, die wir Menschen haben.
Jesus sagt: Ich bin das Tor. Einen Aspekt des folgenden Satzes hat mir der Film erst nahegebracht. Jesus sagt: Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein− und hinausgehen und eine gute Weide finden.
Rein− und Rausgehen − immer mal wieder das Tor durchschreiten und die Räume wechseln, gehört zum Leben. Schorsch muss auch wieder heim an den Tegernsee und sich der Realität stellen. Es ist Nacht als Schorsch heimkommt.
Die Wohnung ist leer: Stille
Seine Frau kommt − Sprachlosigkeit.
Schorsch: Es tut mir leid.
Monika: Wo bist du gwesen.
Schorsch: Überall und nirgendwo.
Monika: Übermorgen kommen die Käufer. Die Verträge sind unterschrieben. Die Gebäude werden abgerissen. Sie wollen nur das Land.
Schorsch nickt stumm.
Schorsch: Ich war kein guter Mann für dich, Monika.
Ich weiß, dass die Miriam nicht von mir ist.
… Ich war beim Arzt. ich kann keine Kinder kriegen.

Monika: Warum hast du nie was gsagt.
Schorsch: Weil ich Angst ghabt hab & gschähmt hab i mi.
Monika: ich wollt‘s dir immer sagen. Aber irgendwann war es zu spät.
Schorsch: blöd sin mehr gwesen, alle zwei.
Monika nimmt Schorsch nicht wieder auf −
doch die beiden entdecken, dass sie einander aus Liebe festgelegt haben auf etwas, was sie gar nicht sind.
Sie erleben, wie befreiend es ist, die von beiden verhassten Gartenzwerge loszuwerden und in die Zukunft zu starten.
Schorsch unterstützt seine Tochter auf dem Weg zur Künstlerin. Wortkarg ist und bleibt er. Aber tatkräftig.
Und so lädt er die Skulptur auf, um sie mit Miriam zur Kunstakademie zu fahren
und dort kann er Miriam endlich umarmen und ihr sagen:
I bin wahnsinnig stolz auf dich.
Ans Nordkap kommt Schorsch nicht − dafür Philomena.
Seine Zukunft ersehnt er sich nun bei und mit Hannah auf dem alten Flugplatz in Brandenburg.
Und auch da wird es schöne und düstere Tage geben.
Ich bin gekommen,
um den Schafen das Leben zu bringen −
das Leben in seiner ganzen Fülle.
Letztlich ist die Sehnsucht nur von Gott zu stillen. Immer wenn ein Mensch sich leidenschaftlich nach etwas sehnt, zum Beispiel nach Liebe, Besitz, Geld, Anerkennung &minus: dann steckt darin auch eine spirituelle Sehnsucht; die Sehnsucht, dass sein Leben gelingt und der tiefste Hunger irgendwo gestillt wird. Sehnsucht bedeutet dann eben auch, dass der Mensch über die Welt hinaus geht und es aushält, dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können, sondern dass in ihm und ihr noch ein tieferes Sehnen ist.
Und auch dieses Sehnen erfüllt sich nicht für jede und jeden gleich so wie wir es wünschen. Aber wie Antoine de Saint−Exupéry es sagt: „Die Sehnsucht nach Liebe ist schon Liebe. In der Sehnsucht nach Gott ist schon Gott. Viele jammern ja und sagen: Ich spüre Gott nicht. Dann sage ich immer: Gott kannst du nicht direkt spüren, aber die Sehnsucht spürst du. Und wenn du die Sehnsucht spürst nach Glaube, nach Liebe und Gott − dann ist schon etwas, von dem, wonach du dich sehnst, in dir.
Lernen wir so mit der Sehnsucht nach Gott und Liebe leben.
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

10.07.2020
Predigt zum Sonntag, 02. August
zum Film „Die Sprache des Herzens“ und zu Joh. 9,1−7
Liebe Gemeinde,
ich sehe was, was du nicht siehst und das ist… grün, gelb, dunkelblau, gestreift…“ Keine Ahnung, wie oft ich dieses Spiel schon gespielt habe. Mit meinen Geschwistern, mit meinen Eltern, mit anderen Kindern. Im Auto, zu Hause, beim Spazierengehen, gefühlt stundenlang.
Ich weiß auch noch, wie ich mich diebisch gefreut hab, wenn meine Eltern nicht darauf kamen, was ich sah, oder sie zumindest so taten. Dann durfte ich das Geheimnis lüften.
Ich sehe was, was du nicht siehst“ Dieses Spiel ist genial einfach. Man braucht kein Material, keinen bestimmten Raum, es gibt kein kompliziertes Regelwerk, es geht nicht um gewinnen oder verlieren, um Punkte, um Strategie. Man braucht einfach nur Mitspieler. Ich sehe was, was du nicht siehst, das wird einfach so gespielt.
Manchmal fängt man dann an zu diskutieren: „Was? Das soll grün sein? Das ist jawohl türkis!“ Und jemand drittes meint dann: „So‘n Quatsch, das ist eindeutig petrolblau.“ Aber die Diskussion dauert nie lange, sondern dann heißt es schnell: „Ok, jetzt bin ich wieder dran.
Das Spiel "Ich sehe was, was du nicht siehst" ist ein Entdeckerspiel. Ich glaube, deswegen macht es so großen Spaß. Denn es geht um mehr als um das, was gesehen wird, oder nicht. Es geht darum, gemeinsam die Welt spielend zu entdecken und sich gegenseitig davon zu erzählen.
Schau dir die Sachen um dich herum genauer an, finde heraus, was mir auffällt, nimm wahr, was ich wahrnehme. Oder anders gesagt: Sieh dir die Welt mit meinen Augen an.
Und wenn du dran bist, dann lasse ich mich herausfordern, Dinge zu finden, dich mir bisher noch gar nicht aufgefallen sind. Das, was du gesehen hast, das will ich auch sehen.
Menschen kommunizieren dabei auf spielerische Weise. Und bleiben nicht bei ihren verschiedenen Sichtweisen stehen, sondern versuchen sich, über das Gleiche zu verständigen. Meinst du das Fahrrad? Den Baum? Den kleinen Käfer?
Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist die Welt, das ist das Leben, das bist du als menschliche, von Gott einzigartig geschaffene Seele. Ich möchte, dass du das auch siehst.
Sich mit Marie zu verständigen, das war Schwester Marguerites großes Ziel in dem Film, der gestern hier gezeigt wurde. Weil Marie aber taubblind ist, konnte niemand mit ihr sprechen.
Der Film spielt in Frankreich, im 19. Jahrhundert. Maries Eltern sind einfache, liebevolle Leute, aber sie schaffen es nicht, mit ihrem Kind zu kommunizieren, geschweige denn sie zu erziehen.
Marie benimmt sich wild und störrisch gegenüber allem, was ihr unbekannt ist. Ihre Eltern bringen sie in eine Klosterschule, in der taube Mädchen mit Zeichensprache unterrichtet werden und hoffen dort auf Besserung.
Die Mutter Oberin sieht bei Marie keine Hoffnung, sie zweifelt an ihrer Intelligenz. Offensichtlich ist es unmöglich, ein solches Kind, zu beschulen.
Doch Schwester Marguerite, eine junge Nonne, die an einer tödlichen Lungenkrankheit leidet, sieht mehr. Sie blickt hinein in dieses Kind und entdeckt eine kleine, zerbrechliche Seele, gefangen in Finsternis und Stille. Und daraus möchte sie Marie um alles in der Welt befreien.
Sie nimmt Marie in ihre Obhut. Doch lange Zeit gibt es keine Fortschritte. Monatelang quälen sich beide, kämpfen miteinander, gegeneinander.
Marie findet keinen Zugang zur Sprache, Marguerite spürt, dass sie nicht mehr viel Zeit hat, bevor ihre Lungenkrankheit sie tötet.
Dennoch gibt sie nicht auf. Nach und nach baut sie eine vertrauensvolle Beziehung zu dem Kind auf.
Den Durchbruch bringt ein kleines Taschenmesser. Es ist Maries Lieblingsgegenstand, den sie in ihren Händen fühlt, an dem sie riecht, den sie immer bei sich hat. Mit Hilfe dieses Messers schafft Schwester Marguerite, in Maries Kopf die Brücke zu schlagen zwischen der Funktion ihres Messers − schneiden − und dem Zeichen, mit dem ihre Hände diese Funktion beschreiben können.
Marie lernt, die eigenen Hände zum Sprechen zu benutzen und den Händen der anderen zuzuhören. Sie entdeckt die Welt und die Menschen um sich herum, sie findet sich selbst als menschliche, von Gott einzigartig geschaffene Seele.
Ich sehe was, was du nicht siehst. Als Marie das Wunder der Sprache entdeckt, steigt sie in dieses Lebensspiel mit ein. Sie zeigt Schwester Marguerite die Welt, die sie unter ihren Fingern sieht, in ihrer Nase riecht, mit ihrer Haut wahrnimmt.
Sie formt ihre Gedanken und was ihr auf dem Herzen liegt mit den Fingern. Marguerite nimmt staunend Maries Welt wahr, ihre Neugierde, ihre Lebensfreude. Und sie staunt über Maries Wissen, dass das Leben endlich ist.
Marie, dieses besondere Mädchen gab es übrigens wirklich. Sie hieß Marie Heurtin und war eine der ersten Französinnen, die die Gebärdensprache und das Fingeralphabet als Taubblinde erlernte und andere Taubblinde darin unterrichtete.
Ich sehe was, was du nicht siehst. In einer tiefen, von Gottes Liebe zu den Menschen durchdrungenen Art und Weise brachte sich auch Jesus sich in dieses Lebensspiel mit ein.
Er durchschaute die Menschen und zeigte ihnen, sich selbst und andere im Licht von Gottes Liebe zu sehen: Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist dein Leben in den Augen Gottes. Dein Leben ist wertvoll, dein Leben ist ein Zeugnis der Größe Gottes, du bist eine von Gott einzigartig geschaffene Seele.
So geschehen auch bei der Heilung des Blindgeborenen. Wir hören den heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium im 9. Kapitel.
1Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
3Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
4Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
5Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden
7und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah − das heißt übersetzt: gesandt − und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Es ist ein Wunder. Ein Mensch, der blind geboren ist, bekommt sein Augenlicht. Das Leben eines Menschen, dessen Lebensperspektive finster war, wird hell.
Er muss nicht länger betteln, kann sich selbst versorgen, und ein eigenständiges Leben führen.
Bevor Jesus ihn sehend macht, muss er aber zuerst noch andere Blinde heilen: seine eigenen Jünger.
Die Jünger, die ihn fragen: Warum ist er blind, warum schon von Geburt an? Hat er gesündigt, im Mutterleib? Haben seine Eltern gesündigt und ist seine Blindheit eine Strafe Gottes?
Nein, sagt Jesus. Nein. Weder er ist schuld noch seine Eltern, Blindheit ist keine Folge von Sünde, keine Strafe Gottes.
Die Frage nach dem Warum verfinstert eure Sicht. Statt den Menschen als Teil der Welt Gottes zu sehen, sucht ihr Schuld und Vergeltung. Demgegenüber, was Gott aus Leben dieses Blinden machen kann, seid ihr selbst blind.
Doch gerade an solchem Leben sollen die Werke Gottes sichtbar werden. Fragt nicht nach dem Warum, nach der Vergangenheit, fragt nach Gott, nach dem, was die Zukunft mit sich bringt.
Und Jesus erklärt seinen Jüngern: Ich sehe was, was ihr nicht seht. Wenn ich Menschen mit den Augen Gottes ansehe, dann leuchtet ihr Leben auf. Dann geschehen Wunder. Und damit ihr auch die Welt in einem anderen Licht sehen lernt, deswegen bin ich da, dazu hat Gott mich gesandt.
Schwester Marguerite hat nicht „Warum?“ gefragt, sondern das Leben, das Marie vor sich hat, gesehen, das Potential. Sie entdeckt darin eine Aufgabe für sich selbst und für ihre Mitschwestern.
Als sie im Sterben liegt, bittet sie Marie, mit den andern Schwestern weiterzulernen, die Welt zu entdecken. Das tut Marie und mehr noch, sie nimmt sich anderer taubblinder Mädchen an und lehrt sie mit dem Herzen zu sehen und mit den Fingern zu sprechen. So wird sie, die selbst blind und taub ist, für andere zum Salz der Erde, zum Licht der Welt.
Auch Jesus geht den nächsten Schritt. Weil er weiß, dass er nicht für immer auf der Erde ist, nimmt er seine Jünger*innen in die Verantwortung: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat.
&bdquo:Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Doch wenn ich nicht mehr in der Welt bin, dann seid ihr das Salz der Erde, das Licht der Welt.
Dann strahlt mein Licht durch euch und euren Glauben hindurch.
Ich sehe was, was du nicht siehst. Es ist eine Lebensaufgabe, sehen zu lernen. Mit den Augen Gottes sehen zu lernen, zu sehen, was Gott alles bewirkt.
Jesu Vorbild ist es, das uns dazu befähigt, Menschen als Geschöpfe Gottes zu erkennen, nicht als Produkt des Erbguts ihrer Eltern, oder als Teil einer Schuld.
Der Glaube befähigt uns weiter zu sehen, tiefer, höher, sogar im Dunkeln der Welt. Unser Glaube und gelebte christliche Gemeinschaft sind es, die uns Salz sein lassen für die Erde, Licht für die Welt.
Ich sehe was, was du nicht siehst. Du siehst was, was ich noch nicht sehe. Vielleicht sollte ich dieses Spiel mal wieder spielen. Mit Kindern. Mit Erwachsenen. Im Leben und im Glauben.
Amen.
Rebekka Elwert

10.07.2020
Predigt zum Sonntag, 19. Juli
Der Sonntag 19. Juli 2020 stand im Zeichen der Taufe und ihrer Bedeutung für das Leben von Christinnen und Christen. Durch den Predigttext aus der hebräischen Bibel 5. Mose 7, 6−12 (→ nachlesen auf bibleserver.com) war zugleich der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk, unseren Glaubensgeschwistern im Blick.
Im 5. Buch Mose leben wir:
6Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker − denn du bist das kleinste unter allen Völkern − 8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
Pfarrerin Ursula Ullmann-Rau predigt dazu:
Verliebt − verlobt − verheiratet − so sagen wir!
Und das Zweite die Verlobung gibt es heute auch wieder,
anders als zu meiner Zeit.
Gestern wäre hier eine Paar kirchlich getraut worden,
doch das Paar hat ihr Hochzeitsfest verschoben,
wie viele in diesem Jahr.
Vielleicht habe sie den Bund des Lebens auf dem Standesamt trotzdem schon geschlossen.
Oder sie warten als Verlobte mit beidem bis ins nächstes Jahr. Für viele Paare ist es sicher nicht leicht, mit dieser Enttäuschung klarzukommen
und die Vorfreude auf ihre Hochzeit sich zu erhalten.
Eine Krise, die sie zusammen meistern müssen.
Aber dann wollen sie vor Gott zueinander JA sagen.
Meist wird die Traufragen ja getrennt gestellt,
aber es gibt auch die gemeinsame Möglichkeit.
Und dann frage ich nach den Nennung der Namen:

wollt ihr als Ehepaar
nach Gottes Gebot und Verheißung leben,
euch als Gottes Gabe lieben und ehren
und einander in Freud und Leid treu bleiben,
bis der Tod euch scheidet,
so antwortet gemeinsam: Ja, mit Gottes Hilfe.

Und stärke sie nach ihrer Antwort mit dem Zuspruch:

Gott gebe euch zum Wollen das Vollbringen

Eine Liebesgeschichte ist auch unser heutiger Predigttext, den wir vorhin gehört haben:
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker − denn du bist das kleinste unter allen Völkern −, sondern weil er euch geliebt hat.
Geliebt zu werden um meiner selbst willen,
wie schön ist das!
Wie sehr genieße ich es und bin dankbar, wo ich es erlebe.
Und wie wichtig ist es, diese Liebe und Verbindung zu pflegen, sich Zeit füreinander zu nehmen und miteinander im Gespräch zu sein und bleiben.
Ich will dich mir verloben auf ewig − Diesen Satz sprechen Juden allmorgendlich beim Anlegen der Gebetsriemen.
Für mich ist das fremd, aber ich finde den Gedanken spannend bei der Vorbereitung zum Beten zu sagen:
Ich will dich mir verloben auf ewig
die praktizierende Jüdin Phyllis Toback sagt:
Es ist so, als ob du dich jeden Morgen neu mit Gott verheiratest“. Der Bund zwischen
Gott und Israel wird täglich neu geschlossen, die Liebe neu besiegelt.
Es dauerte lange, bis die christliche Theologie erkannte:
Der Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk existiert bis heute wie Paulus es schon im Römerbrief schrieb.
Gottes Bund mit Israel ist auf ewig geschlossen.
Dies bedeutet: wir geliebte Kinder Gottes haben
Geschwister, die zum Teil auf andere Weise,
aber auf ebenso legitime und gültige Weise Gottes Botschaft verkünden und Gottes Willen tun.
Spannend war es als zwei jüdische Jugendliche im Februar im Konfirmandenunterricht von ihrem Glauben und Leben erzählten.
Neben der christlichen Auslegung der Bibel gibt es noch eine weitere Stimme, die jüdische Auslegung.
Sie steht nicht einfach in Konkurrenz zur christlichen − sie ergänzt, bestätigt oder widerspricht auf eine ihr ganz eigene Weise.
In Psalm 62 heißt es: „Eins hat Gott geredet, ein zweifaches habe ich gehört.
Die Auslegung von Gottes Wort gibt es nur mehrstimmig:
ein ganzer Chor.
Vielstimmig innerhalb des Judentums, das war bei den beiden jüdischen Jugendlichen zu hören
und vielstimmig innerhalb von uns Christinnen und Christen.
Aber es wäre eindimensional, zu denken, mit der Liebe ist alles Leben beschrieben.
Natürlich gab es auch im Leben eines Ehepaares, einer Familie neben der Liebe die Aufgaben und Pflichten.
Und die Bibel wäre nicht die Bibel, wenn nicht auch in unserem Predigttext neben der Liebe die Pflichten genannt würden.
In der Bibel steht:
Gott hat euch geliebt und hält seinen Eid,
den er euren Vätern geschworen hat.
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Ja, das klingt erst einmal nach "Bedingung".
Aber nicht von ungefähr ist dieser Text für den heutigen 6. Sonntag nach Trinitatis ausgewählt worden.
An diesem Sonntag wird in besonderer Weise an die Taufe gedacht, unseres Bundesschlusses mit Gott.
Vor einer Taufe wird immer der sogenannte Taufbefehl Jesu aus dem Matthäusevangelium gelesen:
Jesus sagte: "Tauft sie (die Menschen) … und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe."
Gottes Liebe und das Halten der Gebote werden in einem Atemzug genannt.
Wie wichtig dem Volk Israel dieser gelebte Glaube war, ist an der ungeheuren Wirkungsmacht und Dauer der Güte Gottes zu sehen, die sie ihr zuschrieben:
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten
Da ist noch einmal die grenzenlose Liebe zu sehen.
Verliebte singen "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein"
oder mit Christina Perri "A Thousand Years".
Das Volk Israel sagt:
Gott erweist auf "1000 Generationen" seine Güte.
Für uns Christinnen und Christen ist diese Verheißung in Jesus von Nazareth wahr geworden.
Jesus hat die Gebote, Bestimmungen und Rechtsätze befolgt und erfüllt.
Sicherlich war Jesus mit anderen jüdischen Gruppen seiner Zeit auch in der Diskussion über ihre Auslegung der Gebote, so wie wir heute über das Verstündnis der Bibelworte in einem vielstimmigen Diskurs sind. Jesus lebte nach den Geboten nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus Liebe zu Gott.
Ja, Jesus war so von der Liebe Gottes erfüllt und überzeugt, dass er sie bedingungslos weitergab, weitergeben konnte. In diesen Geboten geht es darum, das, was Gott vor so langer Zeit den Menschen des Volkes Israel gesagt hat, weiterzugeben und weiterzuleben:
Die, die gerade an meiner Seite sind, zu achten und zu wertschätzen.
Sie nicht zu verachten und zu bedrücken, sondern aufmerksam zu schauen, was sie gerade brauchen.
Ihnen mit Worten und Taten hilfreich zur Seite zu stehen.
Wobei es unerheblich ist, welcher Glaubensrichtung sie angehören, welches Geschlecht, welche Sexualität, welche Hautfarbe sie haben.
In den Augen Gottes, in Jesus Christus, durch die Taufe sind wir untereinander verbunden. Wie Geschwister.
Die streiten zwar manchmal, sind nicht immer einer Meinung und gehen oft getrennte Wege. Aber wie viele halten bei allem einander die Treue und erzählen Familiengeschichten weiter von Eltern, Groß− und Urgroßeltern. So sollen wir weitererzählen von Gott und Jesus Christus.
Wenn wir schauen, wie viele Jahre seit dieser Liebeserklärung Gottes vergangen sind, wie viele Generationen gelebt haben, dann sehen wir, dass Gott bis jetzt dieses Versprechen hielt.
Was für ein Geschenk, dem glauben zu dürfen, was uns der Prophet über die Jahrhunderte zuruft: frei übersetzt:
"Gott liebt dich und hält sich an den Schwur, den er deinen Vorfahren geschworen hat."
Und was für ein Geschenk, darauf zu antworten mit
"Ja, mit Gottes Hilfe."
Und dann waren alle eingeladen, ihren Glauben, ihrer Taufe singend zu gedenken mit dem neuen Wochenlied aus unserem neuen Gesangbuch: Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt…
Wer zuhause sich der eigenen Taufe vergewissern will kann das tun mit einem gesprochenen Glaubensbekenntnis oder Vaterunser oder einfach den Worten des Wochenspruches aus Jesaja 43,1:
So spricht der Herr, der dich geschaffen hat:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein!
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

10.07.2020
Predigtimpuls und Sprechmotette zu 2. Mose 16,4−18 (→ nachlesen auf bibleserver.com)
Was für ein Wunder! Ein ganzes Volk, das durch die Wüste zieht und doch nicht verhungert. Es hat Manna, jeden Tag aufs Neue und sogar Wachtelfleisch. Gott versorgt sie mit dem, was sie brauchen und zwar in ausreichender Menge und noch dazu lecker und nahrhaft. Was für ein fürsorglicher Gott!
„Sammelt soviel, wie jeder und jeder zum Essen braucht!“ Nicht mehr und nicht weniger. Das klingt ganz einfach und irgendwie auch logisch. Und ist doch ganz schön schwer umzusetzen. Damals wie heute.

Wenn sie die Geschichte weiterlesen, erfahren Sie, dass manche Israeliten ihrem Gott nicht vertrauten. Sie sammelten deswegen mehr Manna als notwendig war, um mehr für sich zu haben, als Sicherheit.

Falls morgen nichts mehr kommt, falls Gott uns morgen früh vergessen sollte.

Doch die, die dachten, sie könnten sich einen Vorteil durch Gier erwirtschaften, hatten das Nachsehen.
Das zu viel gesammelte Manna vergammelte über Nacht und war voller Würmer.
Das war eine bittere und doch gute Erinnerung daran, dass Gott ihnen anders zu wirtschaften geboten hatte.

Und wir heute? Wie geht es uns mit diesem Satz, mit dieser Einstellung: „So viel er − oder sie − zum Essen braucht“?
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Im Supermarkt sind die Regale voll, es gibt alles was das Herz begehrt.
II: Wir leben in Deutschland im Überfluss und es werden jedes Jahr rund 12,7 Millionen Tonnen Lebensmittel in privaten Haushalten weggeworfenen.
III:Zu dieser Verschwendung tragen wir alle bei: Hersteller, Landwirtschaft, Handel und Verbraucher.
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Wir erinnern uns an Zeiten, da wurde ganz selbstverständlich in Familien noch ein Schwein geschlachtet.
II: Obst und Gemüse kam aus dem eigenen Garten, Kartoffeln und Kraut waren sichere Vorräte.
III:Die Wertschätzung der Lebensmittel ist bei vielen verloren gegangen. Immer ist alles verfügbar zu niedrigem Preis.
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Wir müssen ‘raus aus diesem Verhaltensmuster − nur kaufen was gebraucht wird.
II: Vorräte checken, Lebensmittel richtig lagern, Mahlzeiten planen, keine Spontaneinkäufe. Kreativ mit Resten umgehen, verwerten, verschenken, haltbar machen.
III:Schaut in euren Kühlschrank, esst nur was ihr schon gekauft habt, kauft nur was ihr braucht, benutzt das was ihr gekauft habt.
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Der Wunsch, dass immer alles zu jeder Zeit frisch und verfügbar ist, führt letztendlich zur Überproduktion. Brauchen Bäckereien bis 20 Uhr ein volles Sortiment? Darf in der Mensa auch mal was ausgehen?
II: Der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln wirkt sich negativ auf Umwelt und Ressourcen aus, hier und weltweit, in Nord und Süd.
III:Jedem weggeworfenen Lebensmittel geht ein hoher Verbrauch an Wasser und Energie für die Produktion und den Transport voraus.
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Das Wissen um Wachsen und Gedeihen ist abhandengekommen.
II: Bäuerinnen und Bauern müssen sich rechtfertigen für die Art und Weise, wie sie Lebensmittel erzeugen.
III:Forderungen der Gesellschaft sind für die Landwirtschaft häufig nicht wirtschaftlich zu erfüllen.
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Fremden Märkten wird oft mehr Vertrauen geschenkt als der heimischen Landwirtschaft.
II: Politik scheint machtlos zu sein.
III:Landwirtschaft ist abhängig von den Launen der Natur, von den Launen der globalen Märkte, von den Launen der Gesellschaft.
A:Gott ist es, der für uns sorgt, der uns versorgt
I: Lasst uns alle, Erzeuger und Verbraucher, Produzenten und Konsumenten, Stadt und Land, wieder zueinander finden und mehr Verständnis für die Sorgen und Nöte des anderen entwickeln.
II: Lasst uns einander mit Wertschätzung und Respekt begegnen.
III:Machen wir uns gemeinsam auf den Weg.
Im Bibeltext wird erzählt, dass sich das Volk Israel sogar in der Wüste darauf verlassen konnte, das Lebensnotwendige durch Gott zu erhalten.

In der Landwirtschaft sorgen viele Menschen bei uns und überall auf der Welt dafür, dass wir das zum Leben Notwendige haben.
Harte menschliche Arbeit bringt die Ernte hervor, die Natur mit Regen und Sonne trägt ihren Teil dazu bei.
Wir glauben daran, dass Gott es ist, der auch für uns heute sorgt, damit jede und jeder so viel hat, wie sie und er zum Leben braucht. Dieses Vertrauen möge in uns wachsen.

Denn das gemeinsame Vertrauen in Gott stärkt auch unser Vertrauen ineinander. Wenn wir einander vertrauen, können wir zusammen vieles, was uns jetzt Sorgen macht, zum Guten verändern.

Deshalb feiern wir diesen Erntebitt−Gottesdienst, in dem wir Gott für seine Nähe danken, für eine gute Ernte bitten und einander mit neuen, verständnisvolleren Augen ansehen.
Machen wir uns gemeinsam − und mit Gott − auf den Weg.
Amen.
Predigtimpuls von Stefanie Walter und Rebekka Elwert,
Sprechmotette aus dem Materialheft zum Erntebittgottesdienst 2020 vom Ev. Bauernwerk in Württemberg e.V. Hohebuch

21.06.2020
20200621_Frau_auf_Stuhl Liebe Gemeinde,

schwerfällig sitzt sie auf dem Stuhl. Ihre Schultern fallen kraftlos herunter, gehalten nur von den Schulterknochen und der Masse ihres Oberkörpers. Ihr Kopf neigt sich nach vorne, doch ohne, dass er ein Ziel hätte.

Die Haare hat sie nach hinten zusammengebundenen. Ihr Kopf trägt die runden und zugleich feinen Gesichtszüge einer Frau, deren Alter schwer zu bestimmen ist. Sehr alt scheint sie nicht zu sein.
Ihr Blick ist gesenkt. Die Augen halb geöffnet schaut sie nach unten. Nein, eigentlich schaut sie gar nicht, ihr Blick geht ins Leere. In ihrer inneren Dunkelheit gibt es nichts zu sehen.
Sie schweigt. Ihre schmalen Lippen sind ein geschlossenes Tor. Kein Laut dringt hindurch, kein Wort, kein Gedanke, keine Regung. Nur durch ihre Nase atmet sie, leise, nur das nötigste.
Bewegungslos sitzt sie da. Vielleicht bricht sich ab und zu ein Seufzer Bahn, der sie tief einatmen lässt und die Luft wieder nach außen stößt, herausgedrückt von ihrem schweren Körper und ihren schweren Sorgen. In der Hoffnung, dass mit dem Ausatmen auch ein Teil der Last entweichen möge.

Was diese Frau belastet ist unbekannt. Sind es Eheprobleme? Geldsorgen? Kummer über ein krankes Kind? Ist es eine Krankheit, die sie am eigenen Leib erfahren muss? Die Last großer Verantwortung? Oder sind es Schuldgefühle? Verletzungen? Eine große Enttäuschung?
Ist es die Ungewissheit über den Verbleib des Bruders? Trauer über den Verlust einer Freundin? Angst vor der Zukunft oder einem drohenden Krieg?
Vielleicht ist es eine Müdigkeit. Zweifel ob die eigene Kraft für alles reicht. Burnout. Oder sie sehnt sich nach Ruhe, weil das Chaos um sie herum immer lauter wird.

Mt. 11 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Ihre Hände liegen in ihrem Schoß. Aufgefangen vom Rockteil ihres Kleides. Gehalten von ihren Unterarmen, die sich an die Oberschenkel lehnen. Ihre Hände sind schützend umgeben von ihren Knien, die alle äußeren Umstände abschirmen. Ihr Unterleib liegt verborgen hinter ihren Armen und bewegt sich nur ganz leicht beim Atmen.
Was sonst sollte sie tun in ihrer Situation als die Hände zusammenfalten und beten? Wenn die Sorgen sie erdrücken, der Kummer schwer auf ihr lastet und die Probleme ihr die Möglichkeit zu handeln verwehren. Ganz unten, dort wo es dunkel und aussichtslos und ist, ganz unten, am Ende ihrer Kräfte, dort unten falten sich ihre Hände.

Gott, ach mein Gott.

Sie sagt nichts, sie bewegt sich nicht, ihr Gesicht zeigt keine Regung. Sie sitzt einfach nur da und legt ihr Leben vor Gott hin. All ihre Lasten, die Sorgen, alles was ihr Leben schwer macht. Schau hin, Gott. Schau, wie es mir geht. Nacheinander zählt sie ihm still auf, was ihr durch den Kopf geht. Immer mehr legt sie vor ihm ab. Weißt du was damit anzufangen? Ich weiß es gerade nicht. Doch wohin sollte ich mich jetzt sonst wenden, wenn nicht an dich? Sie atmet tief ein und schwer wieder aus.
Sie denkt an Jesus, der selbst viel leiden musste. Und der doch den Menschen immer nahe war. Der Kranke geheilt und Verzweifelte aufgerichtet hat. Der sich den Armen und Ausgestoßenen zugewandt hat. Er hat sich um diejenigen gekümmert, die niemand beachtet hat. Warum sollte er mir jetzt nicht auch nahe sein? Sein Kreuz und mein Kreuz sind verbunden.
Ach Jesus, Jesus, hier bin ich. Kannst du mir meine Sorgen tragen helfen?

Mt. 11 29Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Sie weiß nicht viel von Gott und der Religion. Lesen und Schreiben hat sie gelernt, ein paar Kirchenlieder kennt sie, ein paar Geschichten aus der Bibel, das Vaterunser. Ihre Gedanken und ihren Glauben teilt sie nur mit wenigen. Ich kann nicht gut reden. Ich weiß nicht, wie ich meinen Glauben erklären soll. Er ist halt eher einfach. Ich glaub, dass Jesus seine Kraft nicht von sich, sondern von Gott hatte. Und dass man in dem, was Jesus gesagt hat, Gottes Liebe spüren kann.

Ab und zu nimmt sie ihr Gesangbuch in die Hand und blättert ein wenig darin. Eine Zeile hier, die ihr gefällt, ein abgedruckter Bibelvers dort, über den sie für eine Weile nachdenkt.

Mt. 11 25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Einf6auml;ltigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Wenn ich noch einmal in das Gesicht der Skulptur „Die sorgende Frau“ von Ernst Barlach schaue, sehe ich plötzlich noch mehr. Ich sehe nicht nur die Frau, die schwerfällig und kraftlos auf ihrem Stuhl sitzt, voll Sorge und Belastung.

Ich sehe auch eine Frau, die tief in ihrem Innersten mit Gott Zwiesprache hält. Sie weiß einen Ort, wo sie ihren Kummer für eine Weile hinlegen kann, wenn sie die Hände faltet und innehält. Die Last ist groß, doch diesen stillen Ort der Begegnung mit Gott kann keine Last erdrücken.

Nach ihrem Gebet haben sich ihre Sorgen nicht in Luft aufgelöst. Die Welt hat sich nicht von jetzt auf gleich verändert. Was diese Frau bedrückt, muss sie weiterhin tragen. Doch sie weiß, dass sie das nicht alleine tragen muss, denn Gott trägt sie mit. Das zu spüren, stärkt sie.

Vielleicht richtet sich ihr Rücken ein kleines bisschen auf. Vielleicht spricht sie noch stumm ein Vaterunser oder bittet Jesus um seine Begleitung. Vielleicht atmet sie noch ein paar Mal tief durch, bevor sie sich langsam wieder erhebt, während in ihr die Worte nachhallen: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht, bei mir werdet ihr Ruhe finden für eure Seele, ich will euch erquicken.

Amen.

17.06.2020
Predigt 14. Juni 2020, Apostelgeschichte 4, 32−37
(→ nachlesen auf bibleserver.com)
Sie waren ein Herz und eine Seele… das klingt doch fast zu schön, um wahr zu sein. Eine Gemeinde, die alles, wirklich alles miteinander teilt: Nicht nur den Glauben an den auferstandenen Christus, nicht nur die Zeit, die man im Gebet und beim Abendmahl miteinander verbringt, sondern auch den Besitz. Zwischen den Anfängen der Gemeinde und der Niederschrift der Apostelgeschichte liegen ca. 60 Jahre. Lukas, der Autor, von dem auch das Lukasevangelium stammt, verfasste mit der Apostelgeschichte keinen reinen Tatsachenbericht. Er verbindet mündlich überlieferte Erinnerung mit schriftstellerischer Kunst und theologischem Tiefsinn. Und deswegen ist der Text auch für uns heute so spannend.
In der ersten Gemeinde herrschte Aufbruchstimmung. Vom Geist Gottes bewegt und vom Evangelium durchdrungen hatte sich ihr Leben ziemlich verändert. Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, die Anrührung durch den Heiligen Geist hat sie zusammengeschweißt. Doch die wirtschaftliche Realität ging auch an ihnen nicht vorüber. Armut und Hunger bei gleichzeitigem Wohlstand anderer waren damals wie heute schwerwiegende Probleme, die nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit waren, sondern auch Fragen des Glaubens aufwarfen. „Was kann ich tun, um meine Brüder und Schwestern im Glauben zu unterstützen, die sich ihr tägliches Brot nicht leisten können? Dass sie hungern und ich mehr als genug habe, ist das eine Welt, wie ich sie vor Gott verantworten kann? Sieht so das kommende Reich Gottes aus?“ fragte sich Barnabas, ein Mitglied der Gemeinde.
Um Geld verfügbar zu machen, verkaufte seinen Acker. Nicht weil er es musste, sondern weil er wollte. Seine genauen Gründe werden nicht erklärt. Vielleicht hatte er noch viele weitere Äcker und konnte diesen einen Acker erübrigen. Vielleicht wollte er den Acker schon länger verkaufen, weil der Acker zu weit weg lag oder weil er es nicht mehr schaffte, ihn zu bewirtschaften.
Eigene Ländereien oder Häuser zu verkaufen, dazu waren Barnabas und seine Mitchristen nicht verpflichtet. Kein eisernes Gesetz schrieb ihnen vor, dass alle ihr ganzes Eigentum und Vermögen aufgeben mussten, keine staatliche oder andere Gewalt zwang sie dazu. Was und wie viel sie beisteuerten, das entschieden sie freiwillig. Besitz und Gemeinschaft standen nicht im Gegensatz zueinander, sondern ergänzten sich. Das ist einer der großen Unterschiede zum Kommunismus bzw. Sozialismus, wie er im letzten Jahrhundert oft gewaltsam versucht wurde umzusetzen.
Lukas, der Autor der Apostelgeschichte und des Lukasevangeliums, hat sich in seinem Werk sehr kritisch mit Geld und Besitz auseinandergesetzt. Er erinnert daran, dass Jesus vor dem Ansammeln irdischer Schätze, vor Habgier und Selbstsucht warnte. Habe ich genug? Wie kann ich noch mehr haben? Wo kriege ich den besten Deal?
Wenn es immer nur um mich geht, um meinen Vorteil, um meinen maximalen Gewinn, dann werde ich misstrauisch und einsam. Gier und Geiz machen Beziehungen und die Gesellschaft kaputt. Ich denke, vieles davon spüren wir überall dort, wo der neoliberalistische Turbokapitalismus außer Kontrolle geraten ist. Wo grenzenloses Wachstum in einer begrenzten als der einzige Weg zu Wohlstand versprochen wird und dabei aber über Leichen gegangen wird. Menschen und Umwelt werden ausgebeutet und gegeneinander ausgespielt. Vertrauen in einander und in Gott haben da keinen Platz.
"Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." So steht es in Art. 14 in unserem Grundgesetz. Privateigentum zu besitzen heißt also auch in großer sozialer Verantwortung zu stehen. Barnabas hat seine soziale Verantwortung wahrgenommen. Er klammerte sich nicht ängstlich an seinen Besitz und die vermeintliche Sicherheit, die ihm sein Vermögen gewährleisten könnte. Er war frei, von sich selbst wegzuschauen auf Gott hin; frei, sich um die Sorgen und Nöten anderer zu kümmern. Geben war für ihn kein Verlust, sondern ein Gewinn.
Barnabas hatte nicht nur ein weites Herz und einen festen Glauben: Er hatte auch Vertrauen. Vertrauen, dass sein Geld dem Wohl aller nützt, und damit mehr seinen Zweck erfüllt, als wenn es allein in seinem Besitz bliebe. Er hatte Vertrauen in die Gemeinschaft, die das Geld gerecht nach den Bedürfnissen der Einzelnen verteilt. Barnabas hatte solche Freiheit und solches Vertrauen aus seinem Glauben heraus. Weil er verstanden hat, dass er selbst von dieser Gemeinschaft getragen wird. Und weil er von Gott selbst reicher beschenkt worden war, als er je in Geld hätte umrechnen können.
Wir Menschen haben schon immer miteinander geteilt, mal gelingt es uns besser, mal schlechter. Immer wieder gab für das Teilen neue Konzepte: die gemeinschaftliche Nutzung von Brunnen und Weideflächen in Nomadengesellschaften, das gemeinsame Leben im Kloster, die Allmende und das Backhäuschen im Dorf, oder auch genossenschaftliche Strukturen.
Heutzutage ist es wieder besonders hip und heißt Sharing Economy. Sharing Economy das bedeutet ‚Wirtschaft des Teilens‘. Damit sind moderne, meist internetbasierte Arten des Teilens von Dingen oder Dienstleistungen gemeint, es wird aber auch getauscht, geliehen, vermietet oder verschenkt. Ich muss gestehen: ich bin ein Fan der Sharing Economy, des Teilens. Warum muss jeder, der vielleicht alle 2 Jahre mal in seiner Wand bohrt, eine eigene Bohrmaschine haben? Und warum muss jeder ein eigenes Auto haben, das doch über 90% der Zeit nur rumsteht? Ich denke auch an Repair Cafés, in denen Menschen sich gegenseitig helfen, kaputte Gegenstände zu reparieren.
Viele Projekte der Sharing Economy sind oft gekapert worden. Da wurde aus guten Ideen ein knallhartes Geschäft, was mit den ursprünglichen Idealen von Teilen und Freigiebigkeit nichts mehr zu tun hat. Doch es gibt auch andere Beispiele, die näher am biblischen Ideal sind, als ihnen vielleicht bewusst ist: Im Mitteilungsblättle von Oberboihingen stand letzte Woche die Information zur ‚Aktion Gelbes Band‘ drin. Wer Obstbäume hat und sie nicht selbst abernten kann oder will, kann diese mit einem gelben Band kennzeichnen. Das Obst, das am Baum hängt, steht damit zur freien Verfügung. Es wird verschenkt. Wer möchte, darf das Obst, das Gott wachsen und gedeihen lässt, nun ernten.
Unsere Welt ist in einer Schieflage. Eigentlich müsste niemand Hunger leiden, denn es ist genug für alle da. Wir müssen es nur besser verteilen. Als Christen können wir uns ein Beispiel an Barnabas nehmen und uns selbst fragen: „Was kann ich tun, um meine Mitmenschen zu unterstützen, die sich ihr tägliches Brot nicht leisten können? Dass sie hungern und ich mehr als genug habe, ist das eine Welt, wie ich sie vor Gott verantworten kann? Wie sieht für mich das kommende Reich Gottes aus?“ Lassen Sie uns daran weiterarbeiten: inspiriert von den biblischen Geschichten, herausgefordert von Jesu Vorbild und seiner Lehre, erfüllt vom Heiligen Geist, der uns Gemeinschaft mit Gott und untereinander ermöglicht, und beschenkt von Gott selbst.
Amen.

02.06.2020
Eindrückliche Gottesdienste am Pfingstmontag
Über 80 Gottesdienstteilnehmende feierte an Pfingstmontag in der Peter− und Paulskirche zwei Gottesdienste und gedachten dabei des 1. Köngener Pfingsttreffens vor 80 Jahre im Jahre 1940. Ursula Stöffler schrieb uns einen Text, weil sie coronabedingt nicht dabei sein konnte und erinnerte an die Zeit und wie diese Pfingsttreffen entstanden, geplant und durchgeführt wurden. Prälatin Gabriele Arnold ermutigte in ihrer Predigt mit dem Geist von Pfingsten, der damals Menschen stark gemacht hat, sich auch heute den aktuellen Herausforderungen mutig zu stellen.
Beide Texte können Sie nun hier nachlesen:
Herzlichen Dank allen, die diese Gottesdienste mit vorbereitet und mitgestaltet haben.
Ursula Ullmann−Rau

18.05.2020
Das Vaterunser
„Beten, das ist ein Reden des Herzens mit Gott, in Bitte und Fürbitte, in Dank und Anbetung.“ So formuliert es Martin Luther in seinem Katechismus. Manche von Ihnen erinnern sich da vielleicht an ihren Konfirmandenunterricht früher. Unsere Konfis heute müssen nicht mehr so viel auswendig lernen, aber manches doch: Glaubensbekenntnis, 10 Gebote, Doppelgebot der Liebe, Psalm 23, Vaterunser.
Dass die Konfis das Glaubensbekenntnis und die 10 Gebote auswendig lernen, ja klar, das ist wichtig, damit sie wissen, was wir eigentlich glauben und welche wichtigen Lebensregeln es gibt. Aber Psalm 23, das Vaterunser, wieso eigentlich das? Beten muss man doch nicht lernen, oder? Nun, in gewisser Weise schon. Denn beim Beten geht es um mehr als um Worte, Beten ist eine Haltung, eine Lebenshaltung. Und die kann tatsächlich eingeübt werden.
„Oh mein Gott“, „Herrje“, „Grundgütiger“, „um Himmels willen“, „Jesses“… wenn man all diese Ausrufe und Stoßgebete zusammenrechnet, wird im Prinzip ja ganz schön viel gebetet jeden Tag, doch sind solche Aussprüche selten Gebete, die Gott wirklich anreden, geschweige denn auf eine Antwort warten. Doch Beten ist keine Einbahnstraße. Im Gebet vertraue ich mich und wie ich die Welt erlebe Gott an und gebe ihm gleichzeitig den Raum, mich durch ihn verändern zu lassen. Doch wenn mein Gebet einzig und allein aus Bitten besteht, bitte lieber Gott, tu dies, tu das, dann mache ich Gott zu einer Wunscherfüllungszaubermaschine, die mich enttäuschen wird.
Ich kann beten wie immer mir gerade zu Mute ist, in jeder Lebenslage und zu allen möglichen Themen. Der kurze Dank vor dem Essen, das Gebet am Abend oder am Morgen, der Besuch einer Kirche, um innezuhalten. Es gibt viele Gelegenheiten, das Gespräch mit Gott in den Alltag einzubauen. Beten ist manchmal auch nicht so leicht. Wenn die Worte fehlen, dann schweige ich. Oder ich leihe mir vertraute Worte, die ich eben mal gelernt habe.
Jesus hat, das wissen wir aus den Evangelien, oft und intensiv gebetet. Daraus hat er Kraft und Mut gezogen. Seinen Jüngern gab er das Vaterunser mit auf den Weg:
Matthäusevangelium Kap. 6:
9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches Brot gib uns heute.
12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Das Vaterunser und die Jesu Erklärungen dazu machen deutlich: Die Betende tritt mit Gott in eine Beziehung, die sich selbst und Gott ernstnimmt. Der Betende lässt sich auf Gott und seinen Willen ein. Und die Betenden lassen sich durch die Zwiesprache mit Gott verändern. Diese Haltung fordert Jesus uns auf, einzuüben.
Das Vaterunser ist das zentrale Gebet der Christenheit. Jesus hat es seine Jesus gelehrt, seine Jünger und die frühen Christen haben es weitergebetet und es geht bis heute ununterbrochen um die Welt in hunderten Sprachen dieser Welt.
Gesprochene Worte sind nicht die einzige Sprache, mit der man beten kann: tanzen, singen, zeichnen, Gebärden. Haben Sie das Vaterunser schon mal in leichter Gebärdensprache gebetet? Im Internet findet sich dazu ein Video der Nieder−Ramstädter Diakonie. Viel Spaß beim Ausprobieren!
Herzlich, Ihre Vikarin Rebekka Elwert

11.05.2020
Gottesdienstrückblick
Am Sonntag Kantate, den 10.05., konnten wir endlich wieder Gottesdienste feiern. Über 40 Gemeindeglieder haben den Weg in die Peter− und Paulskirche gefunden. Durch Gebet, Orgelmusik und die geteilte Gemeinschaft haben wir trotz der Einschränkungen, die in den Gottesdiensten noch gelten (Mund−Nasen−Bedeckungen und leider noch kein Singen), Freude, Stärkung und Dankbarkeit erfahren dürfen.
Ein Neuanfang in der Kirche
Lange war unsere Kirche leer. Singen, beten und auf Gottes Wort hören, mussten wir auf andere Weise. Letzten Sonntag, am 10. Mai 2020 konnten wir uns wieder zum Gottesdienst in der Peter− und Paulskirche versammeln mit großem Abstand. Das war schön, aber auch sehr befremdlich. Wir müssen uns daran gewöhnen, denn es wird sicher noch für einige Zeit nur auf Abstand möglich sein, Gottesdienste zu feiern.
Unser erster Gottesdienst war am Sonntag Kantate. Der Wochenspruch für diese Woche lautet zum Thema des Sonntags passen: "Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder."
Doch singen durften wir hier nicht. Das fehlte sehr. Wir konnten nur gedämpft und leise hinter dem Mundschutz Gott mit gesprochenen Worten des Beters von Psalm 27 loben und uns vergewissern:
"Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten.…
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!
"
Es war ein Neuanfang. Der ganze Raum des Gotteshauses war gefüllt. Es war der erste Gottesdienst.
10. Mai 1945 Bischof Theophil Wurm feierte den ersten Gottesdienst nach Kriegsende. Die Gemeinde versammelt sich im Opernhaus in Stuttgart. Alle Stuttgarter Gotteshäuser sind zerstört oder stark beschädigt.
In Köngen war damals die Kirche kaum beschädigt. Einige Glasscheiben waren zu Bruch gegangen beim Angriff am Samstag, 21. April 1945 von Plochingen her. Ursula Stöffler erzählte mir kürzlich am Telefon, dass ihr Vater und die Schwester Ruth morgens vor dem Gottesdienst durch Köngen gingen, um zu sehen, ob es noch an weiteren Stellen wie am Pfarrhaus Beschädigungen gab. Gott sei Dank war Köngen sonst fast verschont.
Und nun jetzt wieder ein Neuanfang am 10. Mai 2020. Es war der erste Gottesdienst nach der Coronaschließung. Wenige Menschen dürfen kommen. Wenige Plätze sind besetzt. Ist der Raum gefüllt?
Und noch ein Neuanfang. Der Predigttext erzählte von einem ersten Gottesdienst. Er wird im Tempel in Jerusalem gefeiert. Der Tempel ist voller Menschen. In 2. Chronik 5 lesen wir: "Nachdem König Salomo den Tempel und seine Ausstattung vollendet hatte, brachte er die Gaben, die sein Vater David dem HERRN geweiht hatte, herbei. Das Silber und das Gold und alle Geräte kamen in die Schatzkammern des Tempels. Nun ließ König Salomo die Ältesten Israels nach Jerusalem kommen, die Vertreter aller Stämme und Sippen. Sie sollten die Bundeslade des HERRN von der Davids−Stadt auf dem Zionsberg in den Tempel hinaufbringen. Alle Männer Israels kamen deshalb am Laubhüttenfest im siebten Monat zu König Salomo. Als die Ältesten versammelt waren, hoben die Leviten die Bundeslade auf ihre Schultern und trugen sie zum Tempel hinauf. Mit Hilfe der Priester aus der Nachkommenschaft Levis brachten sie auch das Heilige Zelt und alle seine Geräte dorthin. König Salomo und die ganze Festgemeinde opferten vor der Lade eine große Menge Schafe und Rinder, mehr als man zählen konnte. Dann brachten die Priester die Lade des HERRN an den vorgesehenen Platz im hintersten Raum des Tempels, dem Allerheiligsten. Sie stellten sie unter die Flügel der Keruben.… Auch die Tempelsänger waren vollzählig zugegen: die Leviten Asaf, Heman und Jedutun mit allen ihren Söhnen und Verwandten. Sie trugen Gewänder aus feinem weißen Leinen und standen mit ihren Becken, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars. Ihnen zur Seite standen hundertzwanzig Priester mit Trompeten. Diese setzten gleichzeitig mit den Sängern, den Becken und anderen Instrumenten ein. Es klang wie aus einem Mund, als sie alle miteinander den HERRN priesen mit den Worten: ‘Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!‘ In diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des HERRN."
So hätten wir das am letzten Sonntag auch gerne gehabt: ein volles Gotteshaus, viele Instrumente, viele Menschen, die singen und musizieren. Kantate − Gott loben aus voller Kehle − das wäre schön.
Auch Gott loben mit Trompeten und Posaunen. Aber es geht nicht; noch nicht − und wir wissen nicht, wie lange wir verzichten müssen. Das Singen fehlt mir. Die Menschen in der Nähe, die Gemeinschaft fehlt.
Aber trotzdem ist das ganze Haus Gottes gefüllt. Die Königin der Instrumente erfüllt den Raum mit Klang. Und Gott füllt den Raum − so erzählt es unser heutiger Predigttext. Der Text ist neu in die Perikopenordnung gekommen. Priester mit ihren Trompeten und die Leviten, die Tempelsänger dazu ein ganzes Orchester aus Zimbeln, Harfen und Zithern − zur Tempeleinweihung wird groß aufgefahren. Sie musizieren einträchtig. Das Lob Gottes erklang wie aus einem Mund: "Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!" Und dann wird erzählt: "In diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des HERRN. Die Priester konnten ihren Dienst wegen der Wolke nicht fortsetzen, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das ganze Heiligtum."
Die hebräische Bibel beschreibt Gottes Wirklichkeit vielfach mit dem Begriff: kavod. Dieser heißt: Schwere, Gewicht − in der Lutherübersetzung und der guten Nachricht steht hier: Herrlichkeit.
Wenn Gott einzieht, geht es um etwas. Gottes Kommen ist bedeutungsvoll und von Gewicht. Da zeigt sich der Grund, auf dem alles Leben ruht. Wenn Gott erscheint, finden wir uns in einem weiten Raum vor, dessen Höhe und Tiefe, Breite und Länge uns über uns selbst hinausführt.
Manchmal, wenn ich in eine Kirche eintreten, spüre ich dieses Gewicht Gottes. Menschen haben mit ihrem Gesang dort Gott gelobt, sie haben mit ihren Gebeten Gott ihren Dank, ihre Klagen und Bitten vorgebracht. Der Raum ist förmlich „gesättigt“ mit Gottes Gegenwart.
Wo wohnt Gott? Wann zieht Gott ein?
Da, wo es klingt, wo Pauken, Trompeten, ein ganzes Orchester, wo Stimmen singen: "Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, Rühmet, was heute der Höchste getan! Lasset das Zagen, verbannet die Klage, Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!" Mit diesem Eingangschor zum Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach beginnt für mich die Advents− und Weihnachtszeit, die Vorfreude über Gottes Kommen in die Welt. − Zieht dabei Gott ein?
Für mich ist Gott abends da, wenn ich zum Klang der Posaunen "Der Mond ist aufgegangen" singe.
Oder: Ein kleiner Ort in Nordschweden. Alle kennen sich. Da zieht jemand zu ihnen, ein Dirigent, der krank geworden ist. Unwillig übernimmt er den Kirchenchor. Er probt auf so besondere Weise mit den Leuten, dass sie merken, in der Musik, im Singen liegt eine Kraft zur Veränderung. Lange schwelende Konflikte brechen auf, Menschen gewinnen die Kraft, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen. Am Ende stimmen sie ein in einen Ton. Den Ton, der von dem Chorsänger angegeben wir, der von einer Behinderung betroffen ist. Es ist „wie im Himmel“. Der Film wurde hier einmal beim Kirchenkino in Köngen gezeigt!
Deshalb bitte ich: Komm, heilige Geistkraft, zieh in unsere Kirche ein und bei den Menschen zuhause!
Dass uns deine Kraft und Freude umfange und ergreife. Dass die Angst weicht und die Furcht vor den Schrecken und Unsicherheiten dieser Tage.
So wie vor vielen Jahrhunderten in Jerusalem: Der neue Tempel in Jerusalem ist fertig; &bdquoalle Arbeit ist vollbracht“. Die Lade mit den zwei Tafeln, auf denen die Gebote Gottes stehen, sind in das Allerheiligste gebracht worden. Nun versammelt sich die ganze Gemeinde. Der König, die Ältesten, die Priester und Leviten werden extra erwähnt, weil sie als besonders wichtig gelten. Aber gekommen sind sicher alle: Männer und Frauen, Kinder und Alte, die Kräftigen und die Mutlosen, die Frommen und die Zweifelnden. Sie wollen dabei sein, wenn Gott in den neuen Tempel einzieht. Sie warten und hoffen: „Komm, heilige Geistkraft, zieh ein und erfülle dieses Haus, uns und unsere Welt mit deinem Segen.
Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!“ Wenn Gott einzieht, wird die Welt neu gestimmt. Die Melodie des Lobens baut auf zwei Grundtönen auf: Güte und Liebe.
Gott ist gütig und voll Erbarmen und prägt mit diesen Eigenschaften unser Miteinander. Auch wenn dies gerade anders ist und Distanz die neue Nähe und Liebe den Kranken und Älteren gegenüber. Wer Gott Gewicht gibt, trägt Güte und Liebe in die Welt. Und ist bereit auf eigene Wünsche noch eine lange Weile weiter zu verzichten für das Wohl anderer. Wer Gott Gewicht gibt, gibt auch sich selbst und den Anderen Würde und Gewicht. Wenn Gott einzieht, finden wir in aller Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Ton, eine Stimme. Diese Erfahrung feiern wir an Kantate. Dies brauchen wir jetzt in der Zeit der Corona−Pandemie. Ich finde es sehr schade, dass es so viel Gegenwind und Protest gibt gegen die Auflagen der Landeskirche. Sie hat in der Nachfolge Jesu die Schwachen im Blick.
Gott zieht in uns und unsere Welt, in unsere Kirche und bei denen Zuhause ein: kräftig, auch wenn es nur wenige Worten sind, kein eigener Gesang, nur die schönen Klänge der Orgel. Aber all das führt über uns selbst hinaus. Mit unserem Gottesdienst am Sonntag und im Alltag der Welt geben wir Gott Gewicht und erleben, wie uns das stärkt und verbindet. Unser Lob gibt Gott Gewicht, doch dieses Gewicht drückt uns nicht nieder, sondern hüllt uns ein wie eine Wolke. Die Gotteskraft ist da und umfängt uns, sie bestimmt unsere Wirklichkeit. Gott zeigt sich und entzieht sich. Gott hüllt uns ein in Segen − und bleibt doch durchsichtig und frei, Gott lässt sich nicht vereinnahmen und für unsere Interessen und Vorstellungen und schon gar nicht gegen Andere instrumentalisieren.
Gottes Geistkraft zieht ein; sie erfüllt den Raum − und das Leben wird leicht. Bitten wir immer neu um Gottes Geistkraft: Komm, heilige Geistkraft, zieh in unsere Kirche ein und bei den Menschen zuhause! Dass uns deine Kraft und Freude umfange und ergreife. Dass die Angst weicht und die Furcht vor den Schrecken und Unsicherheiten dieser Tage.
Ich wünsche allen, dass wir erleben dürfen: „Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!
Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

04.05.2020
Der wahre Weinstock (Johannes 15, 1−8)
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
Liebe Gemeinde,
bald werden wir wieder gemeinsam Gottesdienst feiern können. Zwar unter Einschränkungen, aber immerhin. Und wissen Sie was: Ich freue mich darauf! Gottesdienst heißt für mich ganz konkret: In Gemeinschaft das Leben teilen. Das hat mir gefehlt.
Der oben abgedruckte Predigttext für den Sonntag Jubilate handelt auch von Gemeinschaft. Es ist ein großer Text der Bibel. Das Bild vom Weinstock und den Reben hat das Christentum über Jahrhunderte begleitet. Auch wer nicht in einer Region lebt, in der Wein angebaut wird, kennt das Bild von dieser Pflanze und ihren Früchten.
20200504_Impuls_Rebe
Bild: B. Gade © GemeindebriefDruckerei.de
Jetzt erfährt dieses Bild aus der Landwirtschaft von Jesus noch eine Deutung. Er sagt: "Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner." (Joh 15,1). Damit zeigt er, welche enge Beziehung zwischen ihm, seinem Vater und den Jüngern besteht. Eine positive Aussage! So weit, so gut. Aber es geht noch weiter, und dann klingt es anders: "Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe." (Joh 15,2)
Ein zweigeteiltes Bild
Da kommt eine Zweiteilung ins Bild, die ich landwirtschaftlich noch verstehen kann: Jeder Winzer muss seine Weinstöcke pflegen, indem er die schlechten Trauben herausschneidet und die guten weiterwachsen lässt. Nur so kann es zu einer guten Weinernte kommen − das ist in Ordnung. Aber dann wird diese Zweiteilung auch auf die Jünger und damit auch auf alle Christen übertragen: "Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen." (Joh 15,6)
Das klingt wie eine Drohung, wie die Androhung eines Gerichtes: „Wehe, ihr verlasst mich! Dann wird es euch übel ergehen“ − so klingt es in meinen Ohren. Ich finde das schwierig. Aus zwei Gründen. Zum einen: Kann man eine Gemeinschaft mithilfe einer Drohung zusammenhalten? Das machen doch eigentlich nur Sekten, die ihren Mitgliedern Schlimmes androhen, wenn sie die Gemeinschaft verlassen. Und in diese Nähe möchte ich uns als christliche Gemeinde nicht stellen. Und das andere ist: Woher weiß ich denn, dass ich alles dafür getan habe, dass ich wie eine gute Rebe bei Jesus, dem Weinstock, bleiben kann? Wer befindet darüber, ob ich gut genug bin und genug Frucht bringe? Ich fühle plötzlich die Augen Gottes auf mich gerichtet − und es sind keine wohlwollenden, sondern prüfende Augen. Das finde ich schwierig.
Ich will Johannes zugutehalten, dass er das Wirken von Jesus und auch Jesus selbst immer in einer doppelten Weise verstanden hat. Eigentlich war die ganze Welt für ihn geteilt in Licht und Finsternis, in Geist und Fleisch, in rein und unrein. Wer bei Jesus ist, ist rein. Und wer das nicht ist, der gehört auf die andere Seite und ist unrein. Entweder − oder. Da ist bei Johannes kein Mittelding möglich.
Meine Lebenswirklichkeit
trifft das nicht, muss ich eingestehen. Und ich bin ganz dankbar, dass es auch noch die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas gibt, die Jesus manchmal auch anders beschreiben. Nicht als einen, der die Welt in Gute und Böse einteilt, sondern als einen, der mit den aus der Gemeinschaft ausgestoßenen Menschen eine neue Gemeinschaft eingeht. Er hat sich den Aussätzigen und den Sündern zugewendet − alles Menschen, die damals ganz klar auf die Seite "unrein" gehörten. Durch seine Zuwendung wurden sie wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen zurückgeholt. Aussätzige, Lahme, Blinde, Sünder und Zöllner. Sie erinnern sich daran? Das waren Menschen, die überhaupt erst mal wieder in die Verbindung mit Jesus, dem Weinstock, gebracht werden mussten. Deswegen konzentriere ich mich auf die positiven, die stärkenden Aussagen des Bibeltextes. Und ich bringe sie in Verbindung mit einer Frage, die jeden Menschen umtreibt: Wohin gehöre ich? Und woher bekomme ich meine Kraftquellen?
Die biblische Antwort dazu steckt in dem zentralen Satz des Textes: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht." (Joh 15,5)
Das stärkt mich: Das Bewusstsein, dass ich nicht alleine bin, sondern in einer Gemeinschaft mit vielen verbunden. Und dass die Verbindung zu Gott stark ist. Auch dann, wenn wir es vielleicht manchmal nicht merken.
Was bedeutet das nun für uns? Was ist die Antwort auf die Frage: Wo ist meine Kraftquelle? Was gibt uns jeden Tag den Mut, wieder aufzustehen und das Tagewerk zu vollbringen? Was stärkt uns auch an dunklen Tagen?
Meine Kraftquelle
ist die Gemeinschaft, die mich aufbaut und stärkt. Das bedeutet nicht, dass ich jederzeit andere Menschen um mich haben muss. Im Gegenteil, ich muss auch für mich allein sein können. Aber es ist gut, wenn ich weiß, dass Menschen an mich denken. Nicht nur an mich denken, sondern auch für mich beten. Und mir das dann auch sagen. Das geht für mich über eine normale Gemeinschaft von Menschen hinaus: Es sind Menschen, die wissen, was der Glaube an Jesus Christus bedeutet. Ich kann mich mit ihnen darüber austauschen.
Wenn ich mit diesen Menschen zusammen bin und wir dann noch im Gebet Jesus in unsere Mitte einladen, dann kommt es oft vor, dass ich deutlich spüre: Wir gehören zusammen wie die Weintrauben an einem Rebstock. Und das, was uns verbindet und was uns gemeinsam Kraft gibt, ist Jesus Christus. Seine Gegenwart verbindet uns. Das ist stark. Dann bleiben der Glaube und die Glaubenden nicht alleine. Dann sehe ich, was mein Nächster braucht, und ich spreche ihn an.
In solchen Momenten, wenn wir miteinander das Leben mit seinen Freuden und seinen Lasten teilen, denke ich manchmal: „Ich bin froh, dass es Euch, dass es uns alle, gibt.“ Und dann bin froh und mich erfüllt eine tiefe Dankbarkeit für das Singen (auf das wir leider bis auf weiteres in den Gottesdiensten verzichten müssen), das Beten und die Gemeinschaft in Christus. Das hat mir in den letzten Wochen zunehmend gefehlt.
"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht."
Ich wünsche mir, dass diese Gemeinschaft auch bei uns spürbar ist und bleibt und dass wir trotz Abstandsgebot zusammenbleiben und gemeinsam in der Gemeinschaft wachsen. Martin Luther hat es einmal so formuliert:
"Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles."
Amen.
Herzlichen Gruß und bis bald
Pfarrer Ronald Scholz

20.04.2020
Verwandlung ins Leben − Osterzeit
Die Osterfreude und Osterhoffnung mitnehmen in unseren Alltag, das ist dieses Jahr eine besondere Herausforderung. So vieles hat sich verändert und gewandelt in unserem Alltag durch die weltweite Ausbreitung des neuen Corona-Virus.
Manches hat sich zum Guten verändert: das Leben wurde für viele entschleunigt. Geduldig stehen wir mit Abstand beim Einkaufen in der Schlange. Wir müssen innehalten und können nicht mehr durch den Alltag hetzen. Das füreinander Dasein in diesen Zeiten des Abstandhaltens ist schwieriger geworden, aber manchmal auch intensiver. So viel schriftliche Post habe ich schon lange nicht mehr zu Ostern erhalten. Gerne nehme ich die Briefe auch nochmals zur Hand und lese nach.
Sicherlich so kann und darf es nicht bleiben. Wir müssen alle wieder an die Arbeit − sei es Kinder in den Kindergarten und die Schule oder den Arbeitsplatz. Denn nur so kann unsere Gesellschaft weiter funktionieren. Dabei sehnen sich manche zurück: es soll möglichst schnell alles wieder so sein wie davor. Doch die Welt hat sich meines Erachtens verändert und es gibt kein Zurück mehr. Ich denke, es muss stattdessen ein nach Vorne geben, das Gutes, den Menschen und der Schöpfung Förderliches aus dieser Veränderung mitnimmt: wir brauchen eine Verwandlung ins Leben für uns und die ganze Schöpfung.
Wir befinden uns noch am Anfang der sieben Wochen österliche Freudenzeit, der Zeit, in der Jesus nach seiner Auferstehung noch auf Erden war, bevor er an Himmelfahrt ganz zu Gott zurückkehrte. Wir haben also noch Zeit, darüber weiter nachzudenken.
In dieser österlichen Zeit frage ich: Hat sich durch Ostern etwas verändert? Oder sogar verwandelt? Für manche ist dies mit der Frage verbunden: Wie kann ich an die Auferstehung eines Toten glauben? Wie soll ich mir das vorstellen?
Nicht nur wir Menschen heute, auch die Menschen zur Zeit Jesu, stellten diese Frage. In seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth beschäftigt sich Paulus in einem langen Kapitel damit: Wie geschieht diese Verwandlung, die ja keine Wiederbelebung ist, denn sonst hätten die Jüngerinnen und Jünger Jesu am ersten Ostermorgen ja gleich erkannt.
Der Apostel Paulus zieht das Bild der Verwandlung, des Sterbens und Neuwerdens in der Natur heran, um den fragenden Menschen mit diesem Bild zu verdeutlichen, wie wir uns die Auferstehung vorstellen können. Damit ist die Auferstehung weder bewiesen, noch kann sie ganz genau erklärt werden. Aber Bilder verhelfen zu tieferen Einsichten. Paulus verwendete damals das Bild des Samenkornes, das von Gott in eine neue Form verwandelt.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth im 15. Kapitel ab Vers 35: "Jetzt könnte man natürlich fragen: „Wie werden die Toten auferweckt? Mit was für einem Körper werden sie wiederkommen?“ Was für eine dumme Frage! Das, was du säst, kann nur lebendig werden, wenn es zuvor gestorben ist. Und was du säst, ist ja nicht die ausgewachsene Pflanze. Du säst nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel vom Weizen oder von irgendeiner anderen Pflanze. Aber Gott gibt ihm die Gestalt, die er vorgesehen hat. Und zwar jeder Samenart ihre eigene. Lebewesen ist nicht gleich Lebewesen, sondern jedes gehört zu einer anderen Art: die Menschen zu einer anderen als die Rinder oder das Geflügel oder die Fische."
Paulus antwortet mit einem Bild, das naturverbundene Menschen gut nachvollziehen können. Gesät wird das Korn. Es wächst ein Halm. Gott sät und sorgt dafür, dass aus diesen Körnern etwas wird. So wie Gott es will. Das Korn in diesem Bild, ist der Mensch. Es ist wohl so, dass oft etwas sterben muss, damit etwas Neues entstehen kann. Interessant auch, dass Paulus nicht nur vom Menschen spricht, sondern auch verschiedene Tierarten anführt. Paulus geht wohl davon aus, dass auch die Tiere auferstehen.
Ein Frühlingsbote verdeutlicht dies für mich wundervoll. Meine Freude ist im Frühjahr groß, wenn ich den ersten Schmetterling sehe. Meist sehe ich zuerst einen Zitronenfalter. Im Vergleich zu meiner Kindheit sind es erschreckend wenige geworden. Es ist bedrückend und auch weltweit beängstigend, wie die Anzahl der Insekten zurückgegangen ist.
Für Schmetterlinge dürfen einige Brennnesseln vor meinem Bürofenster wachsen, denn die Raupen des Tagpfauenauges und Admirals ernähren sich ausschließlich von Brennnesselblättern und verwandeln sich nur dann in einen Falter, wenn sie genug davon zu fressen finden.
20200420_CollageRaupeSchmetterling
Bild: pixabay
Schmetterlinge sind sehr beliebt. Weniger allerdings ihre Raupen. Und doch gibt es die einen nicht ohne die anderen. Das tolle Bilderbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle verdeutlicht den Zusammenhang für klein und groß. Kein Wunder, dass es das Buch weltweit in 62 Sprachen gibt. Diese kleine Raupe frisst sich durch ihr Leben. Und dann plötzlich verpuppt sie sich. Braucht nichts mehr zu fressen. Liegt nur da. Scheinbar leblos.
Und es geschieht ein Wunder. Aus der Raupe wird ein wunderschöner bunter Schmetterling.
Das ist mein Bild für die Auferstehung.
Ich habe es so verinnerlicht, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss, ob ich daran glaube oder nicht. Paulus schreibt dann weiter: "So ist es auch mit der Auferstehung der Toten: Das Leben, das hier auf der Erde gesät wird, ist vergänglich. Aber das Leben, zu dem wir auferweckt werden, ist unvergänglich! … Gesät wird ein natürlicher Leib. Auferweckt wird ein vom Geist Gottes neu geschaffener Leib." (Vers 42−44 in Auszügen)
Was wird aus dem unscheinbaren Korn! Und aus der Raupe! Raupen sind keine besonders beliebten Tiere, auch wenn es wunderschöne gibt. Aber was werden für feine Wesen aus ihnen, wenn sie sich verwandelt haben. Ich weiß: Beides sind Bilder. Keine Beweise. Keine Fakten. Von Jesu Auferstehung und von der Auferstehung von uns Menschen kann nur in Bildern geredet. Und dennoch: Wieviel Wahrheit lässt sich in diesen Bildern erahnen und spüren. Der Schmetterling ist ein tröstliches Bild. Ich kann die Auferstehung nicht beweisen. Kein Mensch kann das. Und trotzdem glaube ich daran. Ich vertraue auf die Möglichkeiten Gottes, die meinen Verstand bei weitem übersteigen mit Hilfe dieser Bilder.
Später schreibt Paulus noch: "Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden." (Vers 51)
So bekennen wir Christinnen und Christen im Glaubensbekenntnis zweierlei:
zum einen, dass Jesus "am dritten Tage auferstanden von den Toten" ist und "Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben".
Ich bin froh darüber, dass ich das glauben kann. Damit leben kann. Und auch, wenn mein Vertrauen darauf mal größer und mal kleiner ist.
Was bedeutet dies für eine Verwandlung zum Leben jetzt in der Osterzeit 2020?
Ich denke, wir müssen totbringenden Einsichten standhalten wie dem Tod Jesu am Karfreitag: z.B. es kann nicht so bleiben, dass wir Medikamente und Schutzkleidung nur in Billiglohnländer herstellen lassen und so das Leben von Menschen in Gefahr bringen. Und dies ist nur eine von sicher vielen Einsichten, die eine Veränderung notwendend machen.
Manchen Erkenntnissen waren für mich ganz neu: z.B., dass der Handel mit Wildtieren einer der Gründe ist, warum Krankheiten von Wildtieren auf Menschen überspringen. Und dass dabei der illegale Tierhandel einer der vier profitabelsten kriminellen Geschäfte weltweit ist und Menschen in Europa und den USA daraus großen Profit schlagen.
Was die Corona−Pandemie kosten wird, weiß noch niemand − jedenfalls einen Betrag, der unvorstellbar groß ist. Gerade deshalb braucht es gezielte Veränderungen: "Naturschützer und Virologen halten es deshalb für sinnvoll, Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam zu betrachten. Weltbank und Weltgesundheitsorganisation schätzen, dass jeder Euro, der auf diese Weise in die Prävention von Pandemien investiert wird, sich zehnfach auszahlen könnte" (Anja Tröster in der Stuttgarter Zeitung 11./12. April 2020).
Wir müssen diese totbringenden Fakten und Gefahren wahrnehmen und uns einsetzen für alles, was dem Leben dient: die bessere Bezahlung besonders in der Altenpflege, ebenso wie den Schutz des Sozialschwachen, dem Aufbau eines besseren Gesundheitswesens in Afrika und vielem mehr. Auch all das sind Investitionen in die Zukunft, die sich finanziell lohnen aber auch für Menschen und die gesamte Schöpfung.
Gott hat Jesus Christus in ein neues verwandeltes Leben auferweckt. Gott zeigt uns, dass Verwandlung zum Leben möglich ist. Als Menschen können wir dies nur beschränkt, aber Folgen wir Jesu Spuren, der uns dies auf Erden vorgelebt hat.
Eine weitere hoffnungsfrohe und gesegnete Osterzeit!
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

14.04.2020
Mit Ostern im Rücken meinen Weg weitergehen
Ostern war ganz anders, als Ihr und Sie und ich es je erlebt haben. Die notwendigen Beschränkungen haben keine Gottesdienste und keine Familienfeste erlaubt. Gerne hätten wir Sie und Euch am Ostermontag zu einem Emmausweg eingeladen − einem Gottesdienst unterwegs. Aber am Osterwochenende sind sicher viele auf diesem Weg vom Friedhof zur Klingenlinde gegangen, den wir dann nächstes Jahr am Ostermontag hoffentlich zusammen gehen können.
20200414_WegZurKlingenlinde2
Bild: Andreas Rau
Gott sei Dank dürfen wir nach draußen für Spaziergänge und zum Sport. Manche gehen allein, andere wie maximal erlaubt zu zweit oder als Familie.
Dennoch und trotzdem Vertrauen und Hoffnung durch Ostern gewinnen und mitnehmen in die kommende Zeit − wie kann das gelingen?
Ich möchte Dich/Sie einladen, sich gedanklich mit auf einen Weg zu begeben. Sicherlich der Weg nach vorne ist noch ungewiss. Als der Text am Dienstag nach Ostern für den Köngener Anzeiger abgegeben wurde, war noch nicht klar, ob und wie es nach den Osterferien in Kitas und Schulen weitergeht.
Es gibt eine Oster−Wege−Geschichte, die der Evangelist Lukas uns überliefert. Sich bewegen bringt auch Gedanken und Gefühle Bewegung. Das haben zwei Jünger Jesu nach Jesu Tod und Auferstehung erfahren. Und das erzählt Lukas so: Zwei Männer halten es nicht mehr im Haus aus. Zusammen mit den anderen Jüngerinnen und Jüngern sind sie in Jerusalem. In einem Raum sitzen und sich erinnern an die schöne Zeit mit Jesus und an seinen gewaltsamen Tod − nein, das ist nicht zum Aushalten. Und außerdem gab es heute am 3. Tag verstörende Nachrichten einiger Frauen: der Leichnam ist weg. Ein Engel sagt: Jesus lebt. Kleopas und eine zweite Person entscheiden: wir müssen hier raus. Eine gute Entscheidung! „Wenn nichts mehr geht, dann geh!“ − so lautet der Titel eines kleinen Büchleins. Und diese Devise hat mir schon manches Mal weitergeholfen. Wenn ich dann zu einem Spaziergang aufgebrochen bin, konnte ich das Gedankenkarussell stoppen, mich ganz auf das Gehen konzentrieren und die Landschaft in mich nehmen. Und dann kommen plötzlich auch die Gedanken ganz neu ins Fließen und mancher Gedankenblitz hat mich weitergebracht.
Gemeinsam machen sich die beiden Jünger also auf den Weg nach Emmaus. Sie gehen mit schwerem Herzen, trüben Gedanken und einem aufgewühlten Inneren. Das Dorf ist etwa 10 Kilometer von Jerusalem entfernt. Kein weiter Weg damals für die Menschen, die gewohnt waren, alle Wege zu Fuß zu machen. Es gibt auch heute vieles, was das Leben verdunkeln und die Hoffnung rauben kann. Menschen fragen sich: Wie geht es weiter? Wie lange dauert die Kurzarbeit? Werde ich vielleicht meinen Arbeitsplatz verlieren? Wann kommen wir wieder raus aus unserer engen Wohnung: 4 Personen in 4 Zimmern − da bin ich nur für mich und find Ruhe auf dem Klo. Immer wieder gibt es Krach, weil wir zu lange zu dicht aufeinandersitzen. Wann können wir unsere Freundinnen und Freunde und Opa und Oma wiedersehen, ist die traurige Frage der Kinder.
Und so geht die Geschichte weiter: Kleopas und sein Freund reden miteinander. Vielleicht fragen sie sich: „Kann ich noch glauben? Viele andere haben sich bereits enttäuscht von Jesus abgewandt, weil sich der Glaube nicht ausgezahlt hat. Wäre es da nicht auch besser, zu gehen und sich anderen Dingen zuzuwenden?“ Plötzlich ist da ein dritter. Er schließt sich ihnen an. Damals war das nicht problematisch, anders als heute, wo Abstandhalten das oberste Gebot ist. Die Jünger haben vielleicht die Köpfe zusammengesteckt und merken zunächst gar nicht, dass Jesus mit ihnen geht. Und Lukas schreibt noch dazu: „Aber es war, als ob ihnen jemand die Augen zuhielt, und sie erkannten ihn nicht.“ Jesus fragt sie: „Worüber seid ihr unterwegs so sehr ins Gespräch vertieft?“. Da blieben sie traurig stehen. „Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“ fragt Kleopas. Und Jesus sprach zu ihnen: „Was denn?“ Und nun erzählen sie dem Fremden: Jesus von Nazareth war ein großer Prophet. Unsere führenden Priester und die anderen Mitglieder des jüdischen Rates haben dafür gesorgt, dass er zum Tod verurteilt und gekreuzigt wurde. Wir hatten doch gehofft, dass er es ist, der Israel erlösen soll. Das war vor 3 Tagen. Heute haben uns einige Frauen aus der Fassung gebracht. Sie waren am Grab und erzählen: Jesu Leichnam ist verschwunden und ein Engel sagte ihnen: Jesus lebt.
Der Fremde leistet geradezu Schwerstarbeit, indem er den tiefschwarzen Panzer der Hoffnungslosigkeit Stück für Stück aufbricht, damit es wieder hell werden kann. Die Jünger müssen in Worte fassen, was unausgesprochen auf ihnen lastet. Das ist der erste Schritt, damit ich wieder klar sehen kann, wenn ich sagen kann, was mich bedrückt. Und dann bietet ihnen der Fremde eine neue, eine andere Perspektive an, indem er ihnen zeigt, wie man all das, was in Jerusalem geschehen ist, auch sehen kann, wie man es anders sehen kann. „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ Diese einfache, aber durchaus provokante Frage führt die trüben Gedanken der Emmausjünger in eine andere Richtung. Die Dunkelheit im Leben löst sich nicht von jetzt auf gleich auf. Auch nicht in zwei Wegstunden. Das ist manchmal ein langer, mitunter beschwerlicher Weg: Am einen Tag glaubt man zu ahnen, wie es weitergeht, wie es anders werden kann, und am anderen Tag ist diese Ahnung schon wieder verdunkelt, aber am dritten und vierten Tag und an vielen nachfolgenden Tagen besteht die Chance, dass Klarheit wächst: dass sich allmählich eine Erkenntnis durchsetzt, sich eine neue Perspektive im Leben erschließt, wo man neu Hoffnung schöpfen kann, weil man weiß, so geht es jetzt erst einmal weiter.
Auf diesem Weg ist es gut, einen Begleiter oder eine Begleiterin zu haben, der/die einem sagt, was man sich selber nicht sagen kann, der/die eine ganz andere Perspektive einbringt, weil die eigene Aussicht verdunkelt ist, der/die für einen hofft und glaubt, weil man selber nicht mehr hoffen und glauben kann. Manchmal genügt nur ein lösender Gedanke, den mir eine andere Person sagt und auf den hin ich sagen kann: „Ja, so habe ich es noch nicht gesehen, du hast vermutlich recht, aber heute kann ich dem noch nicht zustimmen.“ Und dann, am anderen Tag, geht es vielleicht, weil der Gedanke in einem weitergearbeitet hat, und dann kann man ihm zustimmen.
Bei den Fragen, die die Corona−Pandemie aufwirft, ist es so, wie bei der Frage bdquo;Warum musste Jesus sterben?“. Es gibt nicht die eine Antwort. In der Bibel ringen die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, der Apostel Paulus und die anderen Briefschreiber in ihren Texten um Antworten auf die Frage nach dem Kreuzestod Jesu. Worin sich aber alle einig sind, ist das Vertrauen und die Gewissheit: Gottes Macht ist größer als der Tod. Gott und Jesus gehen auch weiter mit uns als unerkannte Wegbegleiter in aller Traurigkeit und Finsternis. Und dann wird es möglich auch wieder den Kopf zu heben und die Schönheit der Landschaft und des Lebens zu sehen und andere an dem teilhaben zu lassen, was ich selber an guten Erfahrungen und Gedanken habe und worauf ich vertrauen kann.
Manche wissen, die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Die beiden Jünger laden Jesus ein in ihr Haus. Aber für heute will ich es dabei belassen und schließe mit dem Abendgebet von Georg Christian Dieffenbach, das die Worte der beiden aufnimmt.

Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche!
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte,
mit deinem heiligen Wort und Sakrament,
mit deinem Trost und Segen!
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt
die Nacht der Trübsal und Angst,
die Nacht des Zweifels und der Anfechtung,
die Nacht des bitteren Todes!
Bleibe bei uns und bei allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit!

Seien Sie behütet und begleitet!
Ihre Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau

08.04.2020
Ostern - Weg in die Zukunft
Liebe Gemeinde,
das gab es noch nie: Zum ersten Mal seit der Christianisierung Europas dürfen bei uns keine öffentlichen Ostergottesdienste gefeiert werden. Wie geht es Ihnen dabei? Wie fühlt sich das an? Ich kann es kaum beschreiben. Ungewohnt, bedrückend, traurig?! Dieses Jahr ist Ostern nicht nur das Fest der Auferstehung, es ist gefühlt auch ein Tag der Zurückweisung: Keine Gottesdienste, kein generationenübergreifendes Familienfest. Viele Familien werden − wahrscheinlich zum ersten Mal − an Ostern nicht zusammenkommen, Großeltern ihre Enkelkinder nicht beim Eiersuchen unterstützen. Und auch als Gemeinde werden wir nicht zusammenkommen, weder in der Osternacht, noch am Osterfeuer vor unserer Kirche und auch nicht morgens auf dem Friedhof, wo der Posaunenchor den Sonnenaufgang feierlich begrüßt. Der Evangelist Johannes erzählt eine Ostergeschichte, die, bei genauer Betrachtung, auch von Zurückweisung berichtet und dabei gleichzeitig den Blick in eine neue Zukunft wirft.
Der Ostermorgen (Johannes 20,15−18)
20200413_Ostermorgen
…Sie (Maria) meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“, und was er zu ihr gesagt habe.
Maria streckt ihre Hände und ihr Herz nach Jesus aus und Jesus beantwortet ihre Sehnsucht mit einer Zurückweisung: „Rühre mich nicht an!“ Maria bekommt an diesem Ostermorgen nicht das, wonach sie sich sehnt. Sie darf Jesus nicht festhalten, denn niemand kann festhalten, was längst vorbei ist. Und so kommt es auf dem Friedhof nicht zu einer Umarmung. Der Mindestabstand wird eingehalten. Und trotzdem wird die weinende Frau, die eben noch das Grab besuchte, um ihrer Trauer nachzugehen, nun Botschafterin der guten Nachricht, also des Evangeliums von Jesu Auferstehung. Sie ist tatsächlich die erste Evangelistin, denn sie nimmt den Auftrag Jesu an und sagt seine Botschaft weiter. Sie bleibt nicht traurig am leeren Grab, um zu beten oder um eine Gedenkstätte einzurichten, sondern geht voller Zuversicht dahin zurück, wo sie hergekommen ist, nach Galiläa − und da wird nun alles anders.
Galiläa ist die Welt des Alltags, da wo auch wir zusammen mit dem Partner, mit Eltern oder Kindern, mit freundlichen oder schwierigen Nachbarn leben. Galiläa, das ist da, wo wir wohnen, wo wir arbeiten, ist da, wo Versammlungsverbot und Abstandsgebot gelten, ist dort wo wir ausruhen, uns freuen und traurig sind − Galiläa ist hier, wo wir leben. Maria geht los und berichtet, was sie gesehen, gehört und erfahren hat.
20200413_Feldweg
Wenn das so ist, dann ist Ostern auch für uns nicht eine Geschichte aus längst vergangener Zeit. Im Gestern werden wir den Auferstandenen ebenso wenig finden wie Maria. Der Auferstandene hat Maria in die Zukunft geschickt und auch uns gilt diese Richtung. Martin Luther hat es 1529 in einer Predigt so formuliert: Nicht wie du Gott im Tode findest, sondern wie er dich ins Leben zurück jagt, das macht das rechte Osterfest…
Wem Luther zu altbacken klingt oder wer den alten Reformator ohnehin nicht schätzt, kann den Worten und der Sprache des Tübinger Theologen Ernst Jüngel vielleicht mehr abgewinnen: Mit Ostern beginnt eine andere Geschichte, eine neue, eine lebendigmachende Geschichte, eine Siegesgeschichte…. Der Auferstandene ist nicht nur für das letzte Stündlein da. Er ist für alle Stunden unseres Lebens da. Wer im Tod hilft, der hilft erst recht im Leben. Er will auch in unseren Worten und Taten Spuren seiner Auferstehung hinterlassen. Spuren, die in die Zukunft weisen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gesegnetes und frohes Osterfest, ein Fest gegen den Tod, ein Fest gegen die Gleichgültigkeit des Herzens, ein Fest des Lebens und zum ewigen Leben und die fröhliche Gewissheit, dass wir uns bald wiedersehen und gemeinsam Gottesdienst feiern werden.
Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!
Pfarrer Ronald Scholz

30.03.2020
Gedanken zur Karwoche
Liebe Gemeindeglieder,
mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die auf das Leiden und Sterben Jesu an Karfreitag zugeht. Gerade noch wurde Jesu Einzug in Jerusalem umjubelt, da geht das „Hosianna“ der Menge schon über in das „Kreuziget ihn!“.
Heute noch fröhlich und ausgelassen, morgen schon voller Angst vor der Zukunft. Wer kennt das nicht in diesen Tagen? Wir alle hatten andere, schönere Pläne für den Frühling und die Osterzeit. Doch wie viele Menschen bangen jetzt um ihre Gesundheit und die ihrer Liebsten? Wie viele Menschen fürchten um ihren Arbeitsplatz, um ihr Einkommen? Wie viele Menschen sind einsam und sehnen sich danach, ihre Familie und ihre Freunde sehen zu können?

In der Karwoche werden wir aufgefordert, auf das Kreuz zu schauen. Ein Zeichen, das wir oft gar nicht mehr bewusst angesehen haben, vielleicht auch gar nicht ansehen wollten. Wer wird schon gerne an Leiden und Tod erinnert? Viele Menschen schauen lieber weg, wenn ihnen ein schweres Schicksal begegnet und lenken sich ab. Andere ergreift eine Art wohliger Schauer, wenn sie selbst nicht betroffen sind − „wie gut, dass ich nochmal davongekommen bin“.
20200330_FotoKreuze
Wenn wir in diesen Tagen dazu angehalten sind auf das Kreuz zu schauen, dann bedeutet das für uns zweierlei:
Zum einen dürfen wir uns vergegenwärtigen, was Jesus aus Liebe zu uns auf sich genommen hat. Jesus ist den Weg des Leidens bis zum bitteren Ende gegangen, um dem Tod ein für alle Mal die Macht zu nehmen. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, heißt es in Johannes 3,16. Wie viel Trost, wie viel Kraft, wie viel Zuversicht steckt in diesen Worten!
Aber noch aus einem anderen Grund ist es wichtig, das Kreuz Jesu neu sehen zu lernen. Wer nämlich wieder Augen für das Kreuz Jesu gewinnt, der lernt auch, das Leid der anderen zu sehen, das oft Wand an Wand mit uns wohnt. Es ist nur verständlich, wenn wir uns in diesen Zeiten abzulenken versuchen. Aber ehrliches Mitgefühl für die Nöte unserer Mitmenschen, Hilfsbereitschaft und Einsicht entstehen meist erst da, wo wir wirklich hinschauen, wenn es anderen schlecht geht.
Schau hin − das bedeutet nicht, dass wir uns jetzt für alles Leiden der Welt verantwortlich fühlen müssen. Nein, es genügt schon, einen einzigen Leidenden zu sehen. Dadurch bekommt das Leid ein Gesicht, eine Geschichte, ein Schicksal. Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan, hat Jesus einmal gesagt (Matthäus 25,40).
Wen sehen wir, wenn wir auf das Kreuz schauen? In welchem Menschen will Jesus uns begegnen, anrühren und zur Tat bewegen?
Vielleicht ist es ein älterer Nachbar, für den wir einkaufen gehen können. Vielleicht ist es eine alleinstehende Verwandte, die sich über eine Karte oder einen Anruf freut. Vielleicht ist es der kleine Junge von nebenan, der ganz überrascht ist, wenn für ihn ein kleines Osternest vor der Tür steht. Vielleicht ist es aber auch eine unbekannte Person, die wir auf der Straße einfach nur freundlich grüßen.
Ich glaube, wenn wir die Augen aufhalten, dann fallen uns allen Menschen ein, denen wir in dieser schwierigen Zeit eine kleine Freude machen können. Und vielleicht kann dadurch trotz des Mindestabstands von 1,5 Metern eine neue Nähe entstehen, die uns Kraft schenkt, weiterhin auf das Gute zu hoffen und an Ostern zu glauben.
Eine gesegnete Karwoche wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Birgit Scholz

24.03.2020
Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau hat eine kleine Anleitung zum Beten über den Tag in Verbindung mit dem Geläut, welches zu bestimmten Tageszeiten angestimmt wird.
Diese können sie −>hier auf einer extra Seite<− nachlesen

24.03.2020
Miteinander und Füreinander beten in Zeiten von Corona.
Schon 590 Jahre ist sie alt, unsere Köngener Sauglocke. Als Marienglocke ist sie 1430 vielleicht von Meister Otto gegossen worden. Viel hat sie erlebt in diesen fast 6 Jahrhunderten. Den Nationalsozialismus und den 2. Weltkrieg hat die Sauglocke überlebt, weil sie in den 30−er Jahren als besonders wertvoll eingestuft wurde. Unser Köngener Gemeindewappen ziert sie. Wobei, ob sie wirklich so heißt, weil Schweine sie ausgegraben haben, nachdem sie im Krieg versteckt wurde, oder eher nach dem Schwäbischen "sau" für groß und wichtig, wird sich sicher nicht mehr herausfinden lassen. Die Sauglocke, unsere Glocke 1, hängt als die größte (1,36 m Durchmesser) und schwerste Glocke (1650 kg) mitten unter den 3 weiteren Glocken im Glockenstuhl der Peter− und Paulskirche, die 1949 neu dazukamen. Sie lässt uns auch in diesen schweren Zeiten nicht allein. Die Sauglocke läutet immer sonntags allein um 9.00 Uhr und zusammen mit den anderen Glocken zu Beginn des Gottesdienstes um 10.00 Uhr. Zurzeit läutet sie also nur um 10.00 Uhr, weil wir die anderen Läutezeiten am Sonntag abgeschaltet haben.
Sauglocke_sw

So sieht unsere Sauglocke aus. Sie und die anderen Glocken begleiten uns durch die nächsten Wochen, wo wir alle viel zu Hause sein müssen.