Evangelische Kirchengemeinde Köngen
Vikarin Rebekka Elwert − Bericht
 
 

Bericht von Rebekka Elwert

Der Pulli, den Sie heute tragen − oder das Kleid, die Hose, das Hemd… − wissen Sie, wer den genäht hat? Wie lange die Person dafür gebraucht hat? Wo der Stoff gewebt wurde? Ich muss zugeben, bei den meisten meiner Kleidungsstücke im Schrank weiß ich es leider nicht und wie sollte ich das je rauskriegen? Zu lang die Handelswege von der Stoffherstellung bis zum Laden. Zu undurchsichtig die Produktionsketten. Zu austauschbar die Näher*innen in den Fabriken, die im Akkord arbeiten.
Bei dem Pullover, den ich heute trage, ist es anders. Da weiß ich es ganz genau, denn ich war dabei: Genäht hat ihn Eileen, Schneidermeisterin des Modelabels "Die rote Zora" in Esslingen, und sie war nach zwei Stunden fertig. Gewebt wurden der blaue Sweat−Stoff und das Bündchen, beides in Bioqualität, in Portugal von Lebenskleidung. Der blau−gemusterte Ärmelstoff wurde von Albstoffe in Albstadt−Tailfingen auf der Schwäbischen Alb hergestellt. Die Stoffkombi habe ich mir ausgesucht. Der blaue Musterstoff musste unbedingt vorkommen, in den hatte ich mich einfach verliebt. Und etwas länger hat ihn mir Eileen auch genäht, damit mein Rücken beim Fahrradfahren warm bleibt.
Es ist ein besonderes Gefühl, diesen Pullover zu tragen. Denn er ist nicht nur einfach ein schönes Oberteil, fair und bio in Esslingen hergestellt, sondern er erinnert mich an die vergangenen zwei Monate, in denen ich bei der roten Zora mitgearbeitet habe.
Moment mal, was hat eine Vikarin, die es gerade so fertig bringt, einen Kopfkissenbezug zu nähen, in der Modebranche zu suchen? Nennen Sie es, wie Sie wollen, Blickwechsel, Praktikum, das Leben der Anderen, Ergänzung, Vertiefung,… Seit einigen Jahren ist es Teil der Ausbildung in der württembergischen Landeskirche, dass die Vikar*innen für einige Wochen ihre Gemeinden verlassen und mal was ganz anderes machen.
Das Thema ökofaire Mode beschäftigt mich schon länger. Mein studentischer Nebenjob hatte damit zu tun, die Eine Welt, in der wir leben ist schon lange Thema in meiner Familie, mein früh verstorbener Großvater war Schneidermeister, die Frage nach Gerechtigkeit, die in der Bibel heftig diskutiert wird, hat mich im Studium herausgefordert,… Erinnern Sie sich an den Einsturz der Rana Plaza Fabrik in Bangladesch 2013? Es sind schreckliche Bilder, die erahnen lassen, was Leistungs− und Preisdruck der Fast Fashion Industrie für Folgen haben − für Menschen und ihre Rechte, für die Umwelt, für das empfindsame Gefüge unserer Welt und Gottes Schöpfung. Bittere Armut, seelische und körperliche Leiden, verseuchte Flüsse, unfreiwillige Migrationsbewegungen, wachstumsbesessene Wegwerfgesellschaften, ist es das, was wir wollen?
Ich habe mich entschieden, bei der roten Zora in Esslingen mitzuarbeiten, weil sie vieles anders macht. Slow Fashion (eine Kollektion im Jahr) statt Fast Fashion, handwerklich qualitätsvolle Produktion in Deutschland, Biostoffe, individuelle Anpassungen, lokale Zusammenarbeit mit den Nachbargeschäften in der Küferstraße. In einem Ladenatelier wird alles gemacht: designt, genäht, verkauft, Büroarbeit gemacht. Zwei Frauen sind es, die auf ihre Weise versuchen, an den Schräubchen der Welt etwas zum Besseren zu drehen. Sie sind bewusst langsam und bewusst klein. Ganz schön mutig, finde ich. Und ganz schön inspirierend.
Während meiner 8 Wochen dort habe ich einiges erlebt. Ich habe erlebt, was es alles braucht, um einen funktionierenden Onlinehandel am Laufen zu haben (jede Menge Bilder und unfassbar viel Zeit), wie viel Arbeit in der Dekoration eines Schaufensters steckt (ist man je ganz zufrieden damit?), welche für mich bisher unsichtbaren Kosten so ein Laden zu bewältigen hat (Marketing ist echt teuer), welche Papierberge es zu bewältigen gilt, um die Monatsabrechnungen für den Steuerberater fertig zu machen (besser kein Kommentar zu unserer Bürokratie…).
Meine beiden Kolleginnen, Eileen und Silke, haben mir von Anfang an viel Vertrauen und am Anfang vor allem auch Geduld entgegengebracht. Das ist nicht selbstverständlich und das weiß ich sehr zu schätzen. Mit ihnen hatte ich viel Gelegenheit über Farben, Stoffe, Kunden, Geld, Träume, Gott und die Welt zu reden. Und zusammen haben wir die Coronakrise über uns und die Welt hereinbrechen sehen. An normales Weiterarbeiten war in den letzten Märzwochen nicht zu denken. Die zwei versuchen das Beste aus der Situation zu machen.
Und ich bin jetzt wieder zurück bei Ihnen in der Gemeinde. Anders, als gedacht, ohne Karwochen− und Ostergottesdienste, aber mit der festen Zuversicht, dass ich Sie bald bei Gelegenheit wieder persönlich treffen kann. Darauf freue ich mich jetzt schon. Telefonisch und per Email bin ich nach den Osterferien auf jeden Fall erreichbar.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und grüße Sie mit einem Vers aus dem Römerbrief:
Seid frühlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ (Röm 12,12)
Herzlich,
Ihre Rebekka Elwert