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Evangelische Kirchengemeinde Köngen |
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Kanzelrede 19.11.2025 mit Herrn Dr. Thomas Erne Pfarrer und Autor |
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Hier nun die vollständige Kanzelrede von 19.11.2025:
(Sie können sich die Kanzelrede auch hier als pdf ansehen und/oder herunterladen.)
Ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Köngen, wir nennen ihn Herr K., kommt nach einer langen Reise, die ihn nach Asien geführt hat, wieder nach Hause zurück. Vom Frankfurter Flughafen − Fliegen war leider unvermeidlich − nimmt Herr K. den ICE und steigt in Stuttgart in seinen Elektro−Porsche. Das ist sein Beitrag zur Rettung des Klimas und des süddeutschen Industriestandorts. Als Herr K. in Plochingen auf die B313 abbiegt, freut er sich auf den Anblick der Peter− und Paulskirche. Jedes Mal, wenn er nach einer langen Geschäftsreise wieder zurückkommt und auf der Schnellstraße die Kirche sieht, hat er das Gefühl, wieder daheim zu sein.
Aber Herr K. sieht nichts.
In seiner Abwesenheit ist eines Nachts die Kirche den Hang hinuntergerutscht, wie auf einem Schlitten aus Beton. Glücklicherweise war es mitten in der Nacht. Kein Verkehr auf der Plochinger Straße. Kein Organist, der noch Orgel übte. Und auch das Pfarrhaus blieb verschont. Nur der Stöfflersaal mit dem Kindergarten folgte der Kirche nach. Beide ruhen jetzt in Trümmern im Alten Friedhof. Wie schon die Vorgängerkirche.
Ach ja, der weiche Mergel, die Trockenheit, der Regen.
Eigentlich könnte das Herrn K. das ja kalt lassen. Er gehört zu dem Teil der Bevölkerung − inzwischen ist das ja die Mehrheit −, der keiner christlichen Kirche mehr angehört. Es ist nicht nur das Geld, obwohl er sich von der Kirchensteuer in seiner Einkommensklasse beinahe einen eigenen Pfarrer leisten könnte. Es ist die Idee, die ihm nichts mehr sagt. Gott, Sünde, Erlösung, Seligkeit. Das ist wie mit einem Handyvertrag, wo er das Gerät verloren hat. Aber die Peter− und Paulskirche? Das ist schon komisch als er in der Plochinger Straße an dem großen Schuttberg vorbeizufährt. Er wurde da konfirmiert. Er hat da geheiratet. Fehlt ihm vielleicht doch etwas? Jetzt, wo die Peter− und Paulskirche in Trümmern liegt?
Was tut nun die Ev. Kirchengemeinde in Köngen ohne ihre Kirche?
Sie erinnert sich an ihre Ursprünge. An die urchristlichen Haugemeinden. Die trafen sich
in ihren Wohnhäusern. Am Tisch, an dem die Familie aß, feierten sie das Abendmahl
und im Wohnzimmer ihren Gottesdiensten. Das geistliche Leben war ein integraler Bestandteil
des Alltags. Küche und Kirche, Kinderzimmer und Gottesdienst waren nicht grundsätzlich
verschieden. Ich weiß, es gibt solche Hauskreise in Köngen. Familien, die sich in
ihren Häusern treffen und ihr Leben miteinander teilen, ihr spirituelles und ihr
alltägliches. Das ist die Keimzelle, aus der sich alles entwickelt hat, auch die Kirche.
Jedoch − dafür ist die Ev. Kirchengemeinde in Köngen zu groß.
Man kann nicht 3000 Mitglieder in Hauskreisen organisieren. Aber gibt es da nicht noch
ein ziemlich großes Wohnzimmer? Einen Saal? Sogar teilbar, mit einer grandiosen
Küche, mit Räumen für die Jugend, alles wie in der Urchristenheit, nur
groß genug für alle. Und sogar einem Aufzug: Das Gustav−Werner−Gemeindehaus.
Aber dann weigert sich ein junges Paar, das sich in der Jungschar Sternschnuppe kennengelernt
hat, im Gustav−Werner−Haus zu heiraten. Auch der vom Seniorenkreis des Jugendwerks
liebevoll geknüpfte Macramé−Teppich in Kreuzform, den der Haumeister auf
den improvisierten Altar legt, und der Vorschlag, den Posaunenchor, der auf der Bühne zum
Einzug Mendelsohns Hochzeitsmarsch spielt, farblich anzustrahlen, kann die beiden nicht
umstimmen.
Was ist ihr Problem?
Es ist ein gewisses atmosphärische Defizit. Sie wollen nicht im Gustav−Werner−Haus,
sie wollen im Guten Hirten heiraten, dem einzigen Raum, der in Köngen noch in Frage
kommt, nachdem die Peter− und Paulskirche in Trümmern liegt. Und dort gibt
es ja nicht nur einen qualitätsvollen Kirchenraum mit einer guten Orgel, ohne das
atmosphärische Defizit des Kudersaals, mit einer Sitzordnung, die den egalitären Ansatz
der Reformation, alles sind Priester, überzeugend abbildet. Das Paar kann auch nach dem
Gottesdienst zum Sektempfang auf dem schönen Platz vor der Kirche und anschließend
in den großen Saal zum Hochzeitsfest. Kirche, Gemeindehaus, Pfarrbüro und Pfarrwohnung
aus einem Guss, in einem Ensemble, in ausgezeichneter Qualität, bestens integriert ins
Viertel, nahe bei den Menschen. Im Grunde die bessere evangelische Kirche. Und da wagt die
Ev. Kirchengemeinde einen kühnen Schritt. Sie verkauft das Gustav−Werner−Haus
an den Krankenpflegeverein, der dort sein Betreutes Wohnen erweitert, drei Generationen unter
einem Dach − Schmelz, Kindergarten, Senioren − und macht gemeinsame
Sache mit den Katholiken. Am 31. Oktober 2032, fünfhundert Jahre nach der
Einführung der Reformation, findet in Köngen ein denkwürdiges Ereignis statt.
Die Ev. Kirchengemeinde, angeführt von ihrer Pfarrerin und ihren Pfarrern, die
die Altarbibel und den frühgotischen Christus tragen, beides ist wie durch ein Wunder
heil aus den Trümmern geborgen worden, gefolgt vom Posaunenchor, dem Kirchengemeinderat,
der ganzen Gemeinde, zieht vom Alten Friedhof, wo sie sich von ihrer alten Kirche
verabschieden, den Kiesweg hinauf und auf Höhe der Köngener Bank treffen sie auf
den Zug der Katholiken, die Ihnen entgegenkommen, vornweg Martina Krempler, die ein
Samtkissen trägt mit zwei goldenen Schlüsseln, von denen sie einen der Pfarrerin
überreicht. Dann vereinen sich beide Züge und ziehen ein in den Guten
Hirten, legen die Bibel aus der Peter− und Paulskirche auf den Altar und
feiern den ersten gemeinsam Gottesdienst im neuen Ökumenischen Zentrum. Ein
Simultaneum. Ein Zeichen der Ökumene und angesichts der Austrittszahlen eine kluge
und kostengünstige Lösung, die Schule machen wird in ganz Süddeutschland.
Spätestens jetzt werden Sie sich fragen: Wie kommt er jetzt noch aus der Nummer
heraus? Wie kriegt er noch Kurve? Was spricht denn nun für die Peter− und
Paulskirche angesichts dieser Alternativen?
Ja, es wird schwer, aber lassen Sie es mich versuchen in drei Schritten.
Zum Reformationsfest 2017 wurde ich eingeladen, im Ulmer Münster zu predigen. Es war ein Erlebnis: Die Gemeinde aufmerksam, die Orgel wuchtig − und dann dieser Raum, unanständig in seinen Dimensionen, staunenswert, erhaben, entgrenzend. Die Stadt Ulm war in Partylaune. Nicht wegen der Reformation, sondern wegen Allerheiligen. Der Dienstag war Feiertag. Das müsste die Chance sein, das Ulmer Münster ganz für sich allein zu haben. Die Jugend liegt im Bett, die Katholiken sind in St. Georg zur Messe und die Protestanten gehen ja nicht in die Kirche, wenn dort kein Gottesdienst ist. Also müsste das Münster leer sein.
Öffnung ist um 9 Uhr. Ich war eine halbe Stunde zu spät.
Es waren schon da: eine Gruppe tschechischer Steinmetze, die Details am Maßwerk
diskutierten, eine französische Familie mit drei Töchtern in einem Alter,
in dem sie sich noch nicht gegen das Bildungsbedürfnis ihrer Eltern wehren
können. Eine Reisegruppe aus Asien, die im Chor ihre Handys über den
Köpfen schwenken. Alle waren in Bewegung. Ein Mann saß in der Bank,
einsam und erwartungsvoll in einer Bank. Vielleicht in der falschen Kirche?
Alle anderen aber gingen, schlenderten, schritten in dem weiten Raum. Das Mittelschiff ist
im Ulmer Münster zwar komplett zugestellt mit Bänken, aber es gibt einen
Mittelgang und ein nördliches Seitenschiff, in denen man sich ungehindert bewegen
kann.
Was suchen mehr als 100 Menschen an Allerheiligen, einem katholischen Feiertag,
um 9.30 Uhr im evangelischen Ulmer Münster? Es findet ja nichts statt. Nichts,
was das Münster zu einer Kirche macht: Keine Gemeinde, Predigt, kein Abendmahl und
Taufe. Kirche, so liest man in den lutherischen Bekenntnisschriften (CA 7) ist da,
und zwar nur da, wo sich eine Gemeinde versammelt, der das Evangelium rein gepredigt
(recte docetur) und die Sakramente schriftgemäß gereicht werden.
Wenn nun in einem Kirchengebäude wie dem Ulmer M&uumL;nster keine Gemeinde versammelt
ist und kein Evangelium gepredigt wird, dann, so Luther, ist sie nichts als ein Haufen aus
Steinen. Warum laufen Menschen morgens in aller Frühe in einem Haufen Steinen herum?
Was ist die Botschaft der Steine?
Glücklicherweise gibt es empirische Untersuchungen. In zwölf evangelischen
Zentrumskirchen in Deutschland und der Schweiz wurden Besucherinnen und Besucher gezählt
und befragt, wer sie sind und was sie in diesen Kirchen suchen, wenn dort nichts stattfindet,
was sie im religiösen Sinn zu einer Kirche macht
.
7 Millionen Besucher jährlich bringen diese Auswahlkirchen auf die Waage.
Zählt man die Zahlen aller Zentrumskirchen und die touristischen Hotspots, die
kirchlich genutzt werden, etwa die Herrgottskirche in Creglingen mit den Riemenschneider
Altar zusammen, dann geht ganz Deutschland im Schnitt einmal im Jahr in eine Kirche.
Das sind beeindruckende Zahlen.
Aber der Besuch gilt den Gebäuden, der Botschaft der Steine, oder der Botschaft der
Musik, wenn in diesen Kirchen die Matthäuspassion erklingt, aber nicht den Gottesdiensten.
Wer sind die Besucherinnen, die in so großer Zahl in die Zentrumskirchen kommen? Sie kommen meist allein oder zu zweit. Ein Viertel von Ihnen sind konfessionslos. Knapp 70% der Besucher sind Mitglieder einer der beiden großen christlichen Kirchen. 2% gehören einer nicht−christlichen Religion an. Die überwiegende Mehrheit ist vertraut mit Kirchen (80%), weiß, auf was sie sich beim Besuch einer Kirche einlässt. 30% sind über 60 Jahre alt. Frauen sind in der Mehrheit.
Was ist die Botschaft? In erster Linie die besondere Atmosphäre, die die Besucher und Besucherinnen in den Kirchen erwarten. Um diese Stimmung im Raum aufzuspüren, lassen sie sich von ihren Gefühlen leiten, ein unspezifisches Schweifen, das nicht auf etwas Bestimmtes aus ist, sondern auf das Ganze, den Gesamteindruck.
Das zweitwichtigste Motiv ist das historische Interesse. Die Kirchen sind Orte der Erinnerung, an denen sich eine konkrete Stadt− oder Dorfgeschichte, Herzog Ulrich, Thumb von Neuburg, Daniel Pfisterer, Eugen Stöffler, um nur einige Namen zu nennen, mit der Heilgeschichte verbindet.
Das historische Interesse an einer Kirche wie der Peter− und Paulskirche ist
nachvollziehbar. Aber die Atmosphäre einer Kirche, das wichtigste Motiv für
Millionen von Besuchern um Kirchen zu besuchen, das ist so wenig greifbar, so wolkig wie
die meteorologische Herkunft des Begriffs der Atmosphäre vermuten lässt. Was
ist damit gemeint?
Wolf Wondratschek hat 2015 zur Eröffnung des Rheingau−Festivals in der
Lutherkirche in Wiesbaden, einer Kirche, die in ihrer äußeren Erscheinung ein
Resultat einer liturgischen Reformidee war − Liturgie baut Kirche, das ist die
intentio recta dieser Kirche − eine Rede gehalten, wo er sein Interesse an
Kirchen erläutert.
Wondratschek ist kein frommer Mann. Er glaubt nicht an Gott, und betet auch nicht zu ihm,
wenn er ein Gotteshaus betritt. Trotzdem geht er gerne in Kirchen, vor allem wenn der Raum
mit der Musik von J.S. Bach erfüllt ist, so wie Herr K., den wir bereits
kennengelernt haben
Warum? „Mir gefällt das Unbewohnbare von Kirchen… Nichts gleicht hier
einer Kleinigkeit. Nichts hier hat, obwohl überdacht, eine Grenze. Das Unsichtbare,
eingefasst in hohe Bögen, in Überwölbungen, Kuppeln, in Architektur,
Architektur als Kunstwerk, als Ereignis“ Und dann fragt er nach uns
„[…] Wo sind wir, wenn wir in Kirchen sind? Und wer sind wir dort? Wie weit
in uns beginnt die Unendlichkeit?“
.
Wondratschek schätzt die Größe eines Kirchenraumes, das Gegenteil eines
Wohnzimmers. Natürlich weiß auch er, dass in der Kirche die physikalischen
Grenzen der Endlichkeit gelten. Aber die Anmutung ist eine andere. Man hat hier
das Gefühl, als ob die Bögen und Überwölbungen ins Unendliche
gehen − und die Besucher mit ihnen, wenn sie denn gehen in diesen Räumen.
Ich nenne das eine ästhetische Erfahrung der Daseinsweitung, die Atmosphäre der
Weitung meines Daseins wird als ein Ereignis der Kunst, des Kirchenraumes, der Musik, die
in ihm erklingt, des Spiel des Lichtes gedeutet.
Ästhetische Erfahrung einer weitenden Atmosphäre ist gewissermaßen die
intentio obliqua auch der Köngener Peter− und Paulskirche, die aus einer
religiösen Idee, entstanden ist, die aber eben auch als Kunstwerk, als entgrenzende
Architektur erlebt werden kann. Es ist die Eindrucksmacht der Architektur, des Lichtes,
der Musik, die eine Überschreitung meiner endlichen Grenzen als Ereignis der Kunst
erlaubt. Das Unsichtbare eingefasst in die hohen Bögen der Räume, der Musik,
des Lichts.
Der Soziologe Hans Joas hat die Erfahrung einer das Dasein weitenden Atmosphäre
näher bestimmt.
.
Mit Weitung des Daseins ist nicht die Überschreitung der Grenzen gemeint, die
ich selber leisten kann, Französisch lernen, Klavier üben, Marathon laufen, das
nächste Level im Yoga. Formen der Selbstoptimierung, mit denen ich meine
Leitungsgrenzen teste und nicht selten überschreite und so meine Fähigkeiten
und Dispositionen optimal ausschöpfe. Selbsttranszendenz ist vielmehr ein Genitivus
objectivus. Gemeint ist eine Erfahrung der Überschreitung, die mir widerfährt,
ein umfassender Kontrollverlust, der mich, meine ganze Person erfasst und so mein Dasein weitet.
So wie in der Liebe, die mich wie ein Pfeil ins Herz trifft. Da wird mein Leben verändert,
ohne dass ich mich dagegen wehren kann. Wenn die Person meiner Träume mich erhört,
wird die ganze Welt verzaubert und wenn nicht, wird sie verdunkelt.
Nun wird kaum jemand wie etwa Herr K., der nicht mehr Mitglied in der Kirche ist,
aber gerne in die Peter− und Paulskirche geht, wenn dort Posaunenchor ein
Konzert gibt, oder eine Orgelmatinee stattfindet, oder der Projektchor singt, dabei
einen umfassenden Kontrollverlust erwarten. So als stünde hinter dem mächtigen
Chorbogen ein kleiner Engel, der Gott Amor mit seinem Bogen und zielte mit seinen Pfeilen
in sein Herz. Und wenn er ihn trifft, versinkt die Welt und er verwandelt sich in einen
Liebenden.
Aber momentan, für die Dauer eines Kirchenbesuchs zu Tränen gerührt zu werden,
verzaubert und in eine andere Welt versetzt, vor allem wenn dort Musik erklingt, das ist
es, folgt man der empirischen Untersuchung, was die Menschen wie Herr K., an diesen
Räumen fasziniert. Das ist die Botschaft der Steine: Sie versprechen eine Weitung des
eigenen Daseins als Wirkung des Kirchenraumes, der Musik und des Lichtes.
Macht es nun für die Besucher und Besucherinnen der Peter− und Paulskirche,
die hier zu einem Orgelkonzert kommen, oder zum Konzert der Musikschule und in dieser Kirche
eine Weitung ihres Daseins spüren als Ereignis der Kunst, noch einen Unterschied,
dass hier die ev. Kirchengemeinde sonntags ihren Gottesdienst feiert? Denkbar wäre ja,
dass die Peter− und Paulkirche in Zukunft der feinste Konzertsaal und die
schönste Kulturbühne Köngens wird. Was trägt denn die
christliche Religion zu der Strahlkraft bei, die von der Peter− und
Paulskirche unbestritten ausgeht, vor allem, nachdem sie so gelungen renoviert wurde?
Denn eine solche Erfahrung, eine Daseinsweitung, wo ich die Kontrolle über mich
verliere, was faszinierend und erschreckend zugleich sein kann, wird ja auch durch die
Begegnung mit dem Heiligen, mit Gott bewirkt. Luther hat das auf dem Weg nach Erfurt erlebt.
In Stotternheim trifft ein Blitz seinen Freund. Luther wird verschont. Er ist so tief
erschüttert, so wie Mose im Angesicht des Dornbuschs. So tief, dass er nicht Jurist
wird, gegen den Willen des Vaters, sondern am Tor des Augustinerklosters anklopft.
Die Folgen dieser Erschütterung spüren wir bis heute.
Das Feuer das Geistes, das Luther in Stotternheim begehen ist, brennt auch in der Mitte,
wo sich die christliche Gemeinde versammelt, Gottes Wort hört und um dann miteinander
etwas Neues zu beginnen. Also auch hier in der Peter− und Paulskirche. Das Neue?
Das ist ein solidarisches Reich der Freiheit, das Reich Gottes.
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Die Regeln, die dieses Reich der Freiheit etablieren stehen nicht auf steinernen Tafeln.
Sie sind ihnen ins Herzen eingeschrieben. Jeder trägt deshalb eine Flammenzunge auf
dem Haupt. Aus innerer Freiheit bricht Gottes Reich an. Aus freien Stücken überwindet
die hier versammelte Gemeinde ihren Egoismus und versucht in ihrem solidarischen Reden und
Tun die gesellschaftlichen Barrieren durchlässig zu machen, die das freien Miteinander
blockieren: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier,
hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt eins in Christus“
(Gal 3, 28). Aus innerer Freiheit brechen sie das Brot in einer Anverwandlung
des solidarischen und freien Leben Jesu. Aus freien Stücken teilen sie selbstlos ihre
Güter mit denen, die es nötigsten haben (Apg 2, 42+45). Heute zwar nicht
mehr so kommunitär wie vor 2000 Jahren, aber immer noch erstaunlich selbstlos
teilen die christlichen Gemeinden in Form von Caritas, Diakonie, Brot für die Welt,
Kirchensteuer und ehrenamtlichem Engagement.
Vielen Besucher und Besucherinnen wie Herr K. kommen ins Ulmer Münster, oder in
den Kölner Dom, und in die Peter− und Paulskirche um die Botschaft der
Steine zu hören und in der Unendlichkeit der Architektur und der Musik ihr Dasein
zu weiten. Aber sie kommen auch wegen der Gottesdienste. Nicht um mitzufeiern. Leider.
Aber um spüren, ob das Unendliche und Unsagbare, das sich in der Architektur und
der Musik ereignet noch mit seinen religiösen Wurzeln verbunden ist. Sie wollen
wissen, ob das Gefühl des Unendlichen in den Bögen der Architektur noch
verankert ist in der umfassenden Wirklichkeit Gottes. Sie wollen nicht nur die Botschaft
der Steine spüren − sie wollen auch wissen, ob in diesen Steinen das
Feuer des Geistes brennt. Dieser Geist Gottes, der ein Geist der Freiheit ist, wird
in den Gottesdiensten der evangelischen Kirchengemeinden wachgehalten, trotz aller Mängel,
die es da zu kritisieren gibt. Die Kirchengemeinden sind die Wächterinnen des Feuers.
Wo nun beides zusammen kommt, die ästhetische Inszenierung einer Atmosphäre der
Daseinsweitung und ihre religiöse Deutung als Symbol der Wirklichkeit Gottes und sich
so die räumliche Atmosphäre der Daseinsweitung mit dem Feuer des Geistes der Freiheit
ergänzen, überlagern mitunter auch streiten, da rede ich von einer Kirche als einem
gelungenen Hybridraum der Transzendenz.
Ein Beispiel: In der Stiftskirche in Tübingen wurden im Herbst 2024 die Bänke abgeschraubt und hinter der Kirche aufgeschichtet und gelagert. Fünf Wochen lang bot die leergeräumte Stiftskirche einen großen leeren Raum für neue Gottesdienstformate, Pop−up Hochzeiten, meditative Tänze, Frauenmahl und Marktessen, bewegende Andachten, eine Clubminus;Nacht, Tanzperformances, Konzerte, begleitet von Ballett, Lesungen, Filme, Vorträge und für ein Lichtkunstwerk, das den Kirchenraum in eine Skulptur aus Licht verwandelte. „Leer−raum“ hieß das Projekt, bei dem sich kulturelle und religiöse Angebote überlagerten und sich wechselseitig befruchteten. Ein hybrider Raum der Transzendenz. Die Leute kamen und sie standen in langen Schlangen vor der Kirche. In der Clubnacht tanzten sie sich die Seele aus dem Leib. Sie saßen dicht gedrängt auf Papphockern und verfolgten die Balletttänzer, wie sie zur Gitarrenmusik tanzten. Sie standen eng an eng in der leeren Kirche und sangen sich beim offenen Singen aus voller Kehle und waren glücklich. Sie feierten an Biertischen ein rauschendes Frauenmahl. Sie versammelten sich um Orchester und Chor in der Mitte der Kirche wie um ein spirituelles Lagerfeuer und hörten Haydns Schöpfung. Ein offener, unbeweglicher und begehbarer Hybridraum der Transzendenz. Kulturelle und religiöse Formate koexistierten im großzügigen Raum dieser Kirche, bereicherten sich gegenseitig, ohne dass es zu nennenswerten Konflikten kam. Die Kirche strahlte in dieser Zeit. Auch aufgrund der Lichtinstallation von Joachim Fleischer. Die Kirche strahlte weit hinein in die Stadtgesellschaft und in die Region. Ein Team von sechs Personen plante und ein Kreis von circa 50 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen organisierte die Reihe. Es kamen zwischen 15.000 und 20.000 Leute.
Auch in Köngen wird die Zahl derjenigen zu nehmen, die wie Herr K. aus der Kirche ausgetreten sind, aber trotzdem gerne in die Peter− und Paulskirche gehen, vor allem wenn dort Musik von J.S. Bach oder anderen erklingt.
Zum Ersten:
Die Ev. Kirchengemeinde in Köngen wird quantitativ schrumpfen müssen,
wenn sie qualitativ wachsen will. Sie wird sich von vielen Gebäuden verabschieden,
um an wenigen, aber strategisch wichtigen Orten herausragend gute Angebote zu machen.
Zum Zweiten:
Die Ev. Kirchengemeinde wird eine Zukunft haben, wenn sie sich mit der Zivilgesellschaft
verbünden und die Peter− und Paulskirche zu einem offenen und
öffentlichen Raum der Daseinsweitung macht als Ereignis der Kunst und in der
Begegnung mit Gott.
Zum Dritten:
Dazu muß in einer Kirche wie der Peter− und Paulskirche unterschiedliche
Inszenierungen der Atmosphäre erlaubt sein, die uns die überwältigende
Erfahrung von Transzendenz vergegenwärtigen.
Stellen Sie sich vor, ein erfolgreicher Geschäftsmann, wir nennen ihn Herr K.,
kommt nach einer Geschäftsreise wieder zurück nach Köngen. Als Herr K.
in Plochingen auf die B313 abbiegt, freut er sich auf den Anblick der Peter−
und Paulskirche. Jedes Mal, wenn er nach einer langen Geschäftsreise wieder
zurückkommt und auf der Schnellstraße die Kirche sieht, hat er das Gefühl,
wieder daheim zu sein. Und da sieht er sie, die Kirche.
Nein, sie ist nicht in seiner Abwesenheit nicht den Hang hinuntergerutscht, wie auf einem
Schlitten aus Beton. Glücklicherweise hat die Kirchengemeinde ein breites Bündnis
mit der Köngener Zivilgesellschaft geschlossen. Herr K. ist zwar nicht wieder
in die Kirche eingetreten, aber er unterstützt die Stiftung zur Erhaltung der Kirche
jedes Jahr mit einem fünfstelligen Betrag. Die Kirche steht stabil und hat sich
geöffnet. Jeden Sonntag feiert die Gemeinde ihren Gottesdienst, aber unter der Woche
gibt es Lesungen, Konzerte, Vorträge. Ein großes Erntedankessen fand in der
Kirche statt, gekocht von der Köngener Köchinnen und Köchen mit den
reichen Gaben der Köngener Landwirte − und sogar eine Clubnacht.
So hat sie Zukunft, die Peter− und Paulskirche in Köngen.