Evangelische Kirchengemeinde Köngen
 
 
 
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20210704
04.07.2021
Christinnen und Christen erfahren die Botschaft vom Kreuz als Kraft Gottes.
Predigt vom 4. Juli 2021
Liebe Gemeinde,
Die schönsten Dinge im Leben bekommen wir geschenkt. Wir können sie nicht machen: Atem und Herzschlag, den Duft der Blumen, den Glanz der Sterne, Lieder, Lachen und das Spiel, Regen und Sonne und eure beiden Sonnenscheinkinder: Hannah und Linda, Geschenke Gottes, die Freude schenken und Emma zur stolzen großen Schwester machen.
Die Freude auf Erden ist groß über Linda, auch wenn die Geburt sehr lange gedauert hat. Auch im Himmel wird gejubelt über die Mädchen, dieser tolle Gedanke steht in Lindas Taufspruch:
Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein.
Die wichtigsten Dinge im Leben bekommen wir geschenkt. Liebe und Besonnenheit, Glauben und Leben aus der Kraft Gottes so sagt es Hannahs Taufspruch:
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Hannahs ist aufgeweckt, probiert alles aus, will alles selber machen und ist so besonnen, auch das Absperrgitter selber zuzumachen. Da hilft im Pfarrhaus Emmas Verstand und Klugheit, die in solch einem Fall Papa und Mama erinnert.
Paulus erinnert uns im heutigen Predigttext an das Geschenk des Glaubens. Paulus sagt verkürzt im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth: Christinnen und Christen erfahren die Botschaft vom Kreuz als Kraft Gottes.
Paulus geht noch ein Stück hinaus über das, was wir mit dem Verstand erfassen können und was wir als Freude über die schönen und wichtigen Dinge des Lebens genießen. Und dann wird es hart − so hart und unbarmherzig wie das Leben auch sein kann. Darum das Wort vom Kreuz. Auch wenn ich, wenn wir selber immer wieder fragen: Warum diese Geschichte, die die meisten Zeitgenossen des Paulus offenbar nicht überzeugen konnte?
Warum ist Gottes Sohn einer, der sich für die Armen und Kranken und Verachteten und Schuldigen einsetzt? Warum ist Gottes Sohn einer, der verloren hat, der Schmerzen leidet, der verachtet wird und sterben muss? Warum kein strahlender Held, der gut ankommt?
Nun, weil wir keine strahlenden Heldinnen und Helden sind! Die Idee von den schönen und guten Vorbildern, den Leistungsbereiten, die ihr Leben im Griff haben, von den Klugen und Erfolgreichen, denen alles gelingt, solange sie sich nur anstrengen, von den Klugen, die wissen, wo‘s lang geht, die wird doch dem Leben, dem wunderbaren, vielschichtigen, chaotischen, komplizierten, schwierigen, pulsierenden Leben nicht gerecht!
Das Wort vom Kreuz ist uns eine Gotteskraft, sagt Paulus, weil es unser Leben als Ganzes wahrnimmt. Natürlich sind wir stark und fleißig, selbstbewusst und leistungsfähig, klug und zielstrebig, souverän und schön. Natürlich hat uns Gott mit wunderbaren Gaben ausgestattet, mit denen wir gestalten und unsere Interessen durchsetzen und gute Dinge auf den Weg bringen können.
Aber dabei all das andere ausblenden, das uns belastet und Mühe macht?
Verletzlichkeit und Schmerzen, Trauer und Angst, Einsamkeit, Schuld, Versagen? Und all die Menschen zur Seite schieben, die Hilfe nötig haben, um das Leben zu bestehen.
Das Wort vom Kreuz, sagt Paulus, ist uns eine Gotteskraft. Denn es zeigt, dass Gott um die ganze Dimension unseres Daseins weiß. Jesus, der Gekreuzigte, steht für unsere Grenzen, unsere Verletzlichkeit, unsere Schwachheit, auch die Bosheit, die Menschen einander antun. Er erinnert uns an die Armen, die Kranken, die Einsamen, die Schuldigen, für die er sich eingesetzt hat.
Das, sagt Paulus, das ist der Horizont Gottes! Gott blendet die Grenzen nicht aus. Auch auf die Seiten des Lebens, die mir Sorgen und Mühe machen, die ich nicht im Griff habe, die ich nicht gern vorzeige, auf meine Grenzen fällt Gottes Blick. Es ist ein heilsamer, ein liebevoller Blick. Aber einer, den ich zulassen lernen muss und den andere als Dummheit bezeichnen können.
Jedenfalls weiß Paulus, dass Menschen in Korinth sich schwertun, dies zu verstehen. Paulus schreibt:
18Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren gehen, als eine Dummheit. Aber wir, die gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes. 19Denn in der Heiligen Schrift steht: „Ich will die Weisheit der Weisen auslöschen und von der Klugheit der Klugen nichts mehr übriglassen.“ 20Wo sind jetzt die Weisen? Wo die Schriftgelehrten? Wo die wortgewaltigen Redner unserer Zeit? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt als Dummheit entlarvt? 21Obwohl sich die Weisheit Gottes in dieser Welt zeigt, hat die Welt mithilfe ihrer eigenen Weisheit Gott nicht erkannt. Deshalb hat Gott beschlossen, mithilfe einer Verkündigung, die als Dummheit erscheint, alle Glaubenden zu retten. 22Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. 23Wir dagegen verkünden Christus als Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die Heiden ist es reine Dummheit. 24Doch für alle, die Gott berufen hat − ob es Juden sind oder Griechen −, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25Denn was an Gott als dumm erscheint, ist weiser als die Menschen. Und was an Gott schwach erscheint, ist stärker als die Menschen.
(1 Kor 1,18−25 BASISBIBEL 2012)
Schade, dass Paulus dazu so viele Gegensätze auffährt! Da sind die Verlorenen und die Geretteten, die Dummheit und die Weisheit, da sind Juden, Griechen und denen gegenüber die Berufenen. Da sind die anderen und wir.
Hat nicht das Christentum sich viel zu oft über die anderen erhoben? Sich für etwas Besseres gehalten? Und in der Folge genügend Unheil angerichtet oder eben mindestens dem Unheil den Weg geebnet? Und letztlich bleibt Paulus doch nichts anders übrig, als schlicht zu behaupten: Der gekreuzigte Christus ist Gottes Kraft.
Die herkömmlichen Werte Stärke, Besitz, Schlauheit werden alle relativiert durch die Botschaft vom Kreuz. Jetzt gilt Sein mehr als Haben. Lieben gilt mehr als Kämpfen. Teilen gilt mehr als Protzen. Versöhnen gilt mehr als Sich−Profilieren.
Das soll alles nicht nur Theorie bleiben, sondern Wirklichkeit werden. Hören wir noch einmal einen Ausschnitt aus Lindas Taufspruch: Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland. Er wird dir vergeben in seiner Liebe.
Stark ist die, die aus der Vergebung leben kann und so auch anderen vergeben. Stark ist die, die keine Angst hat zu kurz zu kommen, sondern aufmerksam ist für die Bedürfnisse anderer.
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. − sagt Hannahs Taufspruch.
Und manchmal − oh Wunder! − gelang das wohl auch. Dann hatte Paulus das Gefühl: Die ganze Gemeinde hält zusammen wie ein Bauwerk. Die Gemeinde ist wie ein Tempel, in dem Gott wohnen kann. So schrieb er dann davon. Kann das auch heute gelingen? Ich denke ja. Alte bekommen Pflege. Behinderte bekommen Assistenz. Prostituierte finden einen Ort der Unterstützung bei uns im Landkreis Esslingen nun bei Rahab, einer neuen Beratungsstelle, für die wir heute unsere Kollekte geben. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle schreiben uns: im Alten Testament ist Rahab eine mutige und fürsorgliche Frau. Sie schützte durch ihr Handeln ihr eigenes Leben und das ihrer Familie. Rahab war eine von der Gesellschaft ausgeschlossene Prostituierte. Auch heute gibt es in den Kirchenbezirken des Landkreises Esslingen Prostitution − versteckt und offen, benutzt und dennoch nicht gern gesehen, stigmatisiert und verachtet. Der Blick, der sich unangenehm berührt von der Prostitution abwendet, wendet sich auch ab vom Elend der betroffenen Frauen, von Gewalt, Zwang und Ausbeutung.
Er wendet sich ab von physischen und psychischen Verletzungen, von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Armut, die in diese Tätigkeit treibt.
Wir möchten Menschen in der Prostitution nicht allein lassen und sie beraten und unterstützen. Darüber hinaus bieten wir Präventionsarbeit (zur sog. Lover−Boy−Methode) für Schulen und Konfirmand*innen an.
Es braucht immer wieder jemanden wie Paulus, der uns sagt: es keine Dummheit ist, sich an Jesus zu orientieren.
Bei Jesus gibt es noch einen Clou. Seine Geschichte endete nicht am Kreuz und nicht im Grab. Gottes Kraft endet nicht im Grab. Gott schenkte Jesus neues Leben.
Deshalb gefällt mir dieses Kreuz so gut, das ich mal am Stand einer Behinderteneinrichtung gekauft habe. Ich kann es betrachten, mit dem gekreuzigten Jesus. Ich kann diesen Jesus aber auch herausnehmen und durch die Öffnung hindurch den Himmel sehen.
Das Kreuz erinnert an das Leid der Welt und ist zugleich eine Quelle der Kraft und Hoffnung.
Zu keiner Zeit kann das jede und jeder für sich immer so sehen. Deshalb brauchen wir die Gemeinschaft der Glaubenden, die füreinander dieses Vertrauen in die Kraft Gottes wachhalten und füreinander beten. Deshalb ist es wichtig, dass Linda und Hannah heute in diese Gemeinschaft aufgenommen wurden.
Als Gemeinde sind wir gemeinsam so unterwegs:
Suchen und fragen, hoffen und sehn, miteinander glauben und sich verstehn, lachen, sich öffnen, tanzen, befrein.
So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.
Und auch Sie und Du, die dies lesen gehören mit dazu!
Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau