Evangelische Kirchengemeinde Köngen
 
 
 
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20211107
07.11.2021
Gottes Güte, Treue, Gerechtigkeit und Frieden − das grundlegende unseres Glaubens allen beibringen − dazu fordert Psalm 85 heraus.
Predigt vom drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 7. November 2021
Gottes Güte, Treue, Gerechtigkeit und Frieden − in drei Minuten erklärt? Gottes Güte, Treue, Gerechtigkeit und Frieden − das grundlegende unseres Glaubens allen beibringen − kein lieblicher Grießbrei und für Kinder leicht genießbar, sondern fest zu kauende Nahrung, die satt macht und nährt in leichten und schweren Zeiten − das ist eine Herausforderung. Unsere Vorfahren sagten sich: Wir wagen es − mit Gottes Hilfe. Und heraus kam der 85. Psalm. Sicher ist dieser Psalm ein Gemeinschaftswerk. hier in der Übersetzung der Basisbibel:
2Herr, du hast dein Land wieder liebgewonnen und das Schicksal Jakobs zum Guten gewendet. 3Du hast deinem Volk die Schuld vergeben und alle Sünden hast du ihm verziehen. 4Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen. 5Gott, du bist unsere Hilfe, stell uns wieder her! Sei nicht länger so aufgebracht gegen uns! 6Willst du denn für immer auf uns zornig sein? Soll sich dein Zorn noch ausdehnen von der einen Generation auf die andere? 7Willst du uns nicht wieder neues Leben schenken? Dann wird sich dein Volk über dich freuen. 8Herr, lass uns doch deine Güte erfahren! Wir brauchen deine Hilfe, gib sie uns! 9Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden. Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen. Doch sie sollen nicht mehr zurückkehren zu den Dummheiten der Vergangenheit! 10Ja, seine Hilfe ist denen nahe, die zu ihm gehören. Dann wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land: 11Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. 12Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab. 13Auch schenkt uns der Herr viel Gutes, und unser Land gibt seinen Ertrag dazu. 14Gerechtigkeit zieht vor ihm her und bestimmt die Richtung seiner Schritte.
Vor gut 3000 Jahren haben unsere Vorfahren Gottes Güte, Treue, Gerechtigkeit und Frieden in drei Minuten erklärt in diesem Gebet. Für ihre Zeit war das verständlich. Für uns ist unterdessen das 3. Jahrtausend angebrochen. Es gilt diesen Text auszulegen. Jede Generation muss wieder neu für sich Güte, Treue, Gerechtigkeit und Frieden durchkauen.
Dorothee Sölle schreibt: Die Psalmen sind für mich eins der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich sie mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot. Ohne sie tritt die spirituelle Magersucht ein, die sehr verbreitet unter uns ist und oft zu einer tödlichen Verarmung des Geistes und des Herzens führt.
Vier seelisch lebenswichtige Grundnahrungsmittel haben wir hier also. Beginnen wir auf der Zutatenliste mit der Treue bzw. genauer mit der Untreue. Denn gleich am Anfang wird Gott zur Untreue aufgefordert. Das ist erstaunlich! Auch ich fordere Sie auf, untreu zu sein. Das ist verwegen! Gott soll seiner Wut untreu werden.
6Willst du denn für immer auf uns zornig sein?
Soll sich dein Zorn noch ausdehnen von der einen Generation auf die andere?
Gott soll aufhören, seinen Zorn über Kinder und Kindeskinder auszubreiten. Gott soll nicht den Kindern vorhalten, wie sehr sich ihre Eltern danebenbenommen haben. Sicher, Zorn muss und darf sein, aber begrenzt auf die auslösende Situation. Ich bin ertappt! Ich bin manchen schlechten Gewohnheiten viel zu treu. Ich kann mit großer Beständigkeit zurückkommen auf frühere Kränkungen, die mir widerfahren sind. Wenn ich jemanden nicht leiden kann, bin ich meinen eigenen Vorurteilen tendenziell ewig treu. Wir erleben es immer öfter, dass Menschen nur noch in ihrer Blase leben und denken. Den eigenen Gedanken untreu zu werden, ist eine große Herausforderung. Im Psalm kann man lernen, wie man solchen Regungen untreu wird.
4Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen.
Das wird zu Gott gesagt. Aber auch ich kann meinen ganzen "Ärger aufgeben"; muss ihn nicht weiter hüten, füttern und pflegen. Ich kann mich zwar immer weiter aufregen, aber ich bin nicht dazu verpflichtet. Ich kann meine Wut gegen die Fremden, die Anderen oder die da oben verrauchen lassen. Ich kann frei entscheiden, nicht dauerhaft aufgebracht zu sein, sondern Argumente neu und offen anhören und meine Meinung zu ändern. Dann kann ich, dann können wir zusammen anfangen, der Güte treu zu werden.
8Herr, lass uns doch deine Güte erfahren! Wir brauchen deine Hilfe, gib sie uns!
Über Güte gibt es nicht viel zu sagen, sie muss erfahren werden. Wer zu viel davon redet, hat weniger Zeit, auch gütig zu sein und zu helfen, da wo es nottut. Augen auf und tun − Güte will gelebt und erlebt werden.
Aber immer nur gütig sein? Soll man sich das ernsthaft vornehmen? Dann wird man doch bald einmal belogen und betrogen, ausgelacht und zuletzt trotz allem schlecht gemacht. An die Geschichte Jesu vom Weinbergbesitzer muss ich denken. Er gibt allen Arbeitern, ganz gleich, ob sie morgens früh oder abends spät angefangen haben, zuletzt den gleichen Lohn. Das kann man einmal an einem Montag machen, aber ab Dienstag kommen doch dann alle erst auf 17 Uhr "pünktlich" zur Arbeit… Güte allein kann ungenießbar sein.
Gerechtigkeit ist die dritte Zutat. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab. Stellen wir uns für einen Moment vor, es gäbe völlige Gerechtigkeit, aber dafür auch nichts als Gerechtigkeit. Die Zähne würden wir uns ausbeißen, so hart wäre das. Gewissermaßen ungenießbare, nicht aufzutauende Tiefkühlkost. Es wäre unerträglich. Es braucht wesentlich mehr für eine warme Mahlzeit.
Frieden steht als viertes auf der Zutatenliste. Der Psalmist lauscht: 9Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden. Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen. Doch sie sollen nicht mehr zurückkehren zu den Dummheiten der Vergangenheit!
Das ist mir gleich aufgefallen: Das Gegenteil von Frieden ist im Psalm nicht Krieg oder Gewalt oder Terror oder…, sondern Dummheit − Dummheiten aus der Vergangenheit. Sie stehen im Plural, es gibt nichts zu beschönigen. Die Psalmisten scheinen sich und uns gekannt zu haben. Wo Dummheiten gemacht wurden, soll Frieden einkehren. Wie dumm nicht rechtzeitig an die einheimischen Menschen gedacht zu haben, die in Afghanistan die deutschen Soldaten und Soldatinnen unterstützt haben und nun verzweifelt sich um ihr Leben sorgen. Wie dumm die einzelnen Morde vor 10 Jahren nicht zusammengedacht zu haben. Dann würden vielleicht manche noch leben. Wie dumm immer noch und immer wieder die alten antisemitischen Vorurteile zu pflegen. Jede und jeder könnte die Liste fortsetzen.
Die Psalmisten kochen aus Güte und Treue, aus Gerechtigkeit und Frieden einen nahrhaften Eintopf:
11Güte und Treue finden zueinander.
Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.
Eintopf wird für viele gekocht, speziell dann, wenn man nicht genau weiß, wie viele kommen werden.
Nach Gottes Willen kommen dann einst einmal alle. Von damals und heute, von nah und fern.
Güte und Treue, Gerechtigkeit und Frieden sind sicher ein Gemeinschaftswerk zuerst von Gott und den Menschen. Unser Gott ist ein entgegenkommender Gott − und wir können das auch! Noch mehr aber kommt es in unseren Tagen wohl darauf an, dass es für Güte und Treue, für Gerechtigkeit und Frieden immer mindestens zwei Menschen braucht, nicht nur einen oder eine. Viele Köche verderben in diesem Falle gar nichts. Ich erschrecke immer wieder, wie sehr sich Einzelne z. B. nur auf ihren persönlichen und individuellen Geschmack berufen, ihre Vorlieben egoistisch ins Blickfeld rücken. Für sie selbst darf es dann gern etwas mehr sein − wohlgemerkt von dem, was ihnen gerade passt, worauf sie speziell Appetit haben.
Entsetzt bin ich, wenn jemand die eigene scheinbar uneingeschränkte Freiheit zuoberst über das Rezept schreibt, ohne zu merken, dass wir alle zusammen etwas kochen müssen, wirklich satt zu werden. Wir kommen nicht gut durch diesen 2.  Pandemiewinter, wenn die Freiheit des Sich−nicht−Impfens nicht aufgegeben wird. Das ermöglicht allen mehr Freiheit. Denn wenn sich die Verheißungen des Psalms erfüllen, sitzen wir einmal alle um einen einzigen, jedoch langen und vollen Tisch. Jesus hat davon erzählt und es gelebt.
Alle sitzen zusammen an einem Tisch. Alle werden guten Appetit haben und satt werden. Bis dahin fungiert eine alte chassidische Weisheit als Einkaufszettel: Verlasst euch nicht auf Wunder, sondern rezitiert Psalmen.
Der neu als Predigttext aufgenommene Psalm 85 ist es wert, gesprochen, rezitiert, durchgekaut und immer neu bedacht zu werden, meint Ihre/Eure Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau