Evangelische Kirchengemeinde Köngen
 
 
 
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20210811
11.08.2021
Gottesdienst zum Kirchenkino am Sonntag 8. August 2021, dem sog. Israelsonntag
Im Film "100 Dinge" sind Paul und Toni Freunde seit Kindheitstage und gleichzeitig immer auch Konkurrenten: um die Liebe der Oma und der Eltern von Paul − später um die Liebe einer Schulfreundin − dann in der gemeinsamen IT−Firma um Ansehen und der Beste zu sein. Toni stellt Paul bloß vor den anderen; Paul gönnt Toni seine neue Liebe nicht.
Auch das Verhältnis von Christen und Juden war und ist geprägt von Konkurrenz. Nur eine Religion kann die Wahrheit haben − wird und wurde gedacht. Dabei ist Gott größer als unser Denken. Aus dem Juden Jesus war Jesus, der Christus, geworden, als die Texte des sog. Neuen Testaments aufgeschrieben wurden. Negative Aussagen über die Juden und die anderen wurden dem jüdischen Volk und werden den jüdischen Menschen bis heute zum Verhängnis. Sie brachten den Tod von Millionen jüdischer Menschen und einen bis heute immer wieder neu aufflammenden Antisemitismus. Dabei ist und bleibt das Volk Israel Gottes auserwähltes Volk und uns Christinnen und Christen ist durch den Juden Jesus eine Tür in das von Gott verheißene Leben in Fülle geöffnet worden.
Johannes 10 (Basisbibel): Jesus redet über sich selbst: Das Gleichnis vom Tor zu den Schafen.
7Jesus begann noch einmal: „Amen, amen, das sage ich euch: Ich bin das Tor zu den Schafen. 8Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber. Aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. 9Ich bin das Tor. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein− und hinausgehen und eine gute Weide finden. 10Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen. Er schlachtet sie und stürzt sie ins Verderben. Ich bin gekommen, um den Schafen das Leben zu bringen − das Leben in seiner ganzen Fülle.“
Liebe Gemeinde, ein Leben in Fülle − so dürfen wir leben, sagt Jesus uns zu. Ein Leben in Fülle haben die meisten von uns hier. Heutzutage gefüllt durch unzählbar viele Dinge. Eine Fülle, die mich manches Mal auch erschlägt. Wohin mit den unzähligen Dingen.
Könnten Sie, könntest Du mit nur 100 Dingen leben?
Unvorstellbar heute, dass alle aus demselben Topf essen und jede und jeder nur einen einzigen Löffel hat. Aber auch so lebten einmal Menschen. Unvorstellbar, dass Menschen die Finger zum Zähneputzen verwenden: aber so leben eine Milliarde Menschen weltweit.
Wie finde ich zu einem guten erfüllten Leben? Stellt euch, stellen sie sich vor, sie wachen auf und haben nichts mehr:
keine Tasse für den Kaffee oder Tee zum Frühstück; nichts mehr zum Anziehen, keinen Stuhl oder Tisch, keine Decke zum Zudecken, einfach gar nichts. Vielen Menschen geht das so: den Flutopfern im Westen Deutschlands; Menschen, deren Häuser durch Feuer zerstört wurden in Griechenland, der Türkei oder anderswo.
Flüchtlingen und Vertriebenen, heute oder während oder nach dem Nationalsozialismus. Jedes Schicksal war und ist grausam. Oder weniger tragisch und für den Moment doch schlimm, wenn der Koffer nicht am Urlaubsort ankommt und die wenigen Dinge weg sind, die liebevoll für die schönsten Tage im Jahr eingepackt wurden.
Im Film 100 Dinge war es eine Wette bei einer alkoholgetränkten Firmenfeier: wer kann mit ganz wenig leben − eher Toni als Paul, der von seinem Freund als Konsumschlampe bezeichnet wird. Wer hält das 100 Tagen aus. Mit nichts beginnen und sich die 100 wichtigsten Dinge Tag für Tag wiederholen.
Ohne alles auskommen müssen, kein persönliches Erinnerungsstück mehr haben, muss ein Gefühl sein, das kaum auszuhalten ist und das niemand nachfühlen kann, der oder die es nicht selbst erlebt hat.
Ohne vieles auskommen wollen, dazu entscheiden sich Menschen auch bewusst z.B. für ein winziges Tinyhaus. Sie versuchen mit möglichst wenigen Dingen zu leben und so keinen großen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Sie brauchen nicht viel putzen, haben aber keinen Platz um mehrere Leute zum Essen einzuladen oder müssen sich dann bei anderen Dinge leihen, wenn etwas zu reparieren ist.
Was füllt mein Leben − was macht mich zufrieden und glücklich?
Da gibt es bei uns so verschiedenen Menschen, sehr viele verschiedene Antworten. Paul und Toni, die beiden Freunde, brauchen Unterschiedliches.
Paul seine teuren Sneakers, seine Schrottkarre und sein Handy, mit Nana, der freundlichen weiblichen Stimme − eine selbstprogrammierte App, die immer für ihn da ist.
Toni braucht sein Rudergerät, seine Espressomaschine und die tolle Frisur und daher die Pillen gegen den Haarausfall. Aber eigentlich brauchen sie die Liebe eines Gegenübers. Jede und jeder hat ein Loch in der Seele − etwas, wo ich und du, wo wir unvollständig und verwundet sind, wo ich mich als ungenügend erlebe.
Und dieses Loch ist nicht zu füllen durch die unzähligen Dinge, die wir besitzen oder die vielen Aktivitäten, die wir tun, um unser Leben mit Schönem zu füllen.
Was füllt mein Leben − was macht mich zufrieden und glücklich? Da gibt es bei uns so verschiedenen Menschen sehr viele verschiedene Antworten.
Der Film hat mir aufgezeigt. Wir Menschen dürfen mit diesem Loch in der Seele leben lernen. Oder noch besser, dieses Loch können wir auch als Zugang sehen für die Lieben meines Lebens. Und ich spreche bewusst im Plural, weil es nicht nur der eine Mensch ist, wie es oft zu Hochzeiten so plakativ heißt.
Fast am Ende des Films steht Toni nackt draußen auf einer Wiese mit den 5 wichtigsten Dingen für sein Leben.
Vier Kleidungsstücke und Lucy, seiner großen Liebe. Für Lucy hat Toni mit weiteren Dingen den Weg zu sich gezeigt
Später sitzen sie zu dritt mit Paul am Meer. Alles ist heller, entspannter und freundlicher als in den Tagen in der Stadt und in ihrer Firma. Aufatmen und das Geschenk des Lebens genießen.
Und vielleicht bekamen sie da am Meer auch eine "Himmelspostkarte". Denn zu den Lieben meines Lebens zähle ich auch meinen Glauben an den dreieinigen Gott, bei dem ich mich geborgen fühlen kann.
Nicht immer und jeden Moment spüre ich das intensiv. Aber immer wieder einmal: beim Singen oder Beten, beim Unterwegssein und in einem Gespräch oder draußen in der Natur.
Tina Willms hat von einem Moment am Strand erzählt, wo Gott das Loch in der Seele mit einer "Himmelspostkarte" ausfüllt. Sie erzählt von einem Abend am Meer, wo sie mit nackten Füßen am Wasser entlang geht. In den Ohren das Rauschen und über dem Horizont ein roter Feuerball: die Sonne. Ihre Farben brechen sich in jeder Welle, die auf dem Strand ausläuft. Sie bleibt stehen und schaut, wie die Sonne langsam im Meer versinkt. Eigentlich ist es ja gar nicht so. Nicht die Sonne versinkt im Meer. Sondern die Erde dreht sich unter ihr weg. Im genau richtigen Abstand, sodass Leben entstehen konnte. Wie viele Planeten, wie viele Sterne gibt es, auf denen nur Staub und Steine sind. Die nichts sind als große Murmeln auf dem Weg durch das All. Die Erde aber ist wie gemacht für das Leben. Mit Wasser, Sonnenlicht, Pflanzen und Tieren. Und uns. Alles ist da, was wir brauchen.
Und dann stellt sie fest: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Zufall ist. Sie atmet die salzige Luft ein. Sie schaut zu, wie Himmel und Wolken sich färben. Noch malen die Wellen glitzernde Muster auf den Strand. Und am Spülsaum entdeckt sie eine herzförmige Muschel. Ein Wunder ist diese Erde, die sich unter der Sonne dreht. Mit allem, was auf ihr ist.
Auch mit mir.
Ein Schwindelgefühl erfasst sie und sie fühlt sich klein an diesem Abend am Meer. Und doch auf eine seltsame Weise geborgen.
Sie erinnert sich an Worte aus Psalm 8. Das fragt der oder die Betende und sie auch: Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst? Unvorstellbar groß muss dieser Gott sein, der das All erschaffen hat. Und doch hält er die Welt behutsam in seinen Händen. Wunderbar, auf seiner Erde leben zu dürfen.
Einer unter Milliarden Menschen. Und doch einzigartig. Geliebt von diesem großen Gott. Gott erinnert sich an uns.
An jeden einzelnen und jede einzelne.
Und diesen Abend erlebte sie so, dass Gott ihr einen Gruß aus seiner Ewigkeit schickt. Wie wenn Gott eine Postkarte schreiben würde mit dem Satz: Ich denke an dich.
Und sie antwortet und schreibt „Danke“ mit dem Fuß in den Sand und hofft, dass das unermüdliche Meer die Antwort hinter den Horizont trägt. (soweit das Erlebnis von Tina Willms)
Der eine Gott, der sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten in das Land der Freiheit führte, da wo Milch und Honig fließen und es ein Leben in Fülle gibt. Es ist derselbe Gott, der uns in Jesus eine Tür geöffnet hat zum Leben in Fülle. Jesus begann noch einmal: „Amen, amen, das sage ich euch: Ich bin das Tor zu den Schafen. … Ich bin gekommen, um den Schafen das Leben zu bringen − das Leben in seiner ganzen Fülle.“
Aus dieser Fülle dürfen wir leben. Und uns öffnen. Von dieser Fülle weitergeben ohne Neid oder Angst zu kurz zu kommen.
Teilen was wir haben, mit 100 oder 100.000 Dingen glücklich sein.
So wünsche ich, dass Sie, dass Du in diesem Sommer aufatmen, auftanken und mit einem Gruß aus dem Himmel beschenkt wirst.
Ihre/Deine Pfarrerin Ursula Ullmann−Rau